LVZ vom 24.07.2012, "Hey, Coach, ich sehe nur Kühe und Korn"

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Jupp
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LVZ vom 24.07.2012, "Hey, Coach, ich sehe nur Kühe und Korn"

Beitrag von Jupp » Mo 23. Jul 2012, 22:05

"Hey, Coach, ich sehe nur Kühe und Korn"
Red-Bull-Fußballchef Ralf Rangnick will mit RB Leipzig das Fußball-Wunder Hoffenheim wiederholen


Salzburg. Ralf Rangnick hat die Kohlenhydrate aus seinem Leben verbannt, zehn Kilo abgenommen, sieht gut aus. Figürlich wirft der neue ­Red-Bull-Fußballgott fast keinen Schatten mehr, machttechnisch stellt er alles bisher dagewesene bei RB in den Schatten. Rangnick, 54, beim Interview im berühmten Salzburger Hangar 7 über Allmacht, Kühe in der Hoffenheimer Provinz und Bundesliga-Fußball in Leipzig.
Frage: Sie haben aus dem Provinzclub TSG Hoffenheim einen Bundesligaverein gemacht, der zeitweise sogar den großen Bayern Angst machte. Wann zerrt RB Leipzig an der Münchner Leder­hose?
Ralf Rangnick: Leipzig wird irgendwann Bundesliga spielen, das ist für mich klar. Als Verantwortlicher will ich, dass es möglichst schnell geht.
Wäre in drei Jahren.
Das wäre ein Wunder.
Wie jenes in Hoffenheim.
Dort lief am Anfang auch nicht alles rund. Nach vier Spielen in der Regionalliga waren wir Vorletzter, nach vier Spielen in der 2. Liga auch. Damals hat einer geschrieben: Die TSG ist von der Bundesliga so weit entfernt, wie die Erde vom Mond. Das stimmte, wir kickten vor 1500 Zuschauern, legten einen schwachen Start hin. Da war es wichtig, seiner Linie treu zu bleiben, weiter den Fußball zu spielen, von dem man überzeugt ist. Das haben wir getan.
Sie haben teure Nachwuchsstars wie Carlos Eduardo und Chinedu Obasi ins Sinsheimer Dorf geholt. Wussten die beiden, was ihnen in Hoffenheim blüht und dass die ortsansässige Tankstelle zu den Attraktionen gehört?
Nicht so ganz. Als Carlos bei den Vertragsverhandlungen fragte, wie viele Einwohner Hoffenheim hat, habe ich gesagt, so ungefähr 1,5 Millionen. Mein Manager Jan Schindelmeister hat mir unterm Tisch ans Bein getreten - und Eduardo hat unterschrieben. Hätte ich Carlos sagen sollen, dass in Hoffenheim 3000 Menschen leben? Der kommt aus Porto Alegre, da wohnen 3000 in einem Wohnblock.
Dachte Obasi auch, er kommt von Oslo in eine Weltstadt?
Wir haben ihn vom Frankfurter Flughafen abgeholt und sind mit ihm Richtung Hoffenheim gefahren. In Heidelberg und Umgebung war noch alles gut. Als wir dann in Sinsheim abgebogen sind, hat er zu mir gesagt: Hey Coach, wo sind die Leute? Ich sehe nur Kühe und Korn.
Leipzig hat Kühe, Korn und Menschen.
Und ein super Stadion, Fußball-Begeisterung, ein riesiges Einzugsgebiet. Wir fangen hier nicht bei null an.
Wie hat Ihnen das 0:0 Ihrer Leipziger Roten Bullen gegen Großaspach gefallen? War das nur ein Schmankerl für Freunde des fröhlichen Pressens und Verschiebens oder fehlt dem Laien der Blick fürs Wesentliche?
Ich war beim ersten Spiel in Piesteritz dabei und jetzt. Nach Piesteritz habe ich gedacht: Na viel Spaß, da wartet ja jede Menge Arbeit. Jetzt muss ich sagen: Es macht Spaß, zuzuschauen. Da ist Feuer und Leidenschaft drin. Man merkt, dass alle zusammen etwas erreichen wollen. Und mit alle meine ich nicht nur die Fußballer, sondern das Trainerteam, das Funktionsteam, einfach alle.
Das Beispiel Dortmund/Bayern zeigt: Teamgeist schlägt Individualität. Ist der BVB ein Vorbild für Ihre Teams?
Wir haben eine klare Philosophie über die Art und Weise, wie wir in Salzburg und Leipzig Fußball spielen wollen. Schnelle Balleroberung, schnelles Spiel in die Spitze. Offensiv und attraktiv. Und wir haben genaue Vorstellungen über den Umgang miteinander. Jeder ist wichtig, jeder soll sich einbringen. Aber keiner darf sich selbst zu wichtig nehmen. Das ist Teamspirit. Auch ich nicht. Ein Orchester braucht aber einen Dirigenten, ein Ballett einen Choreographen. Wissen Sie, was mich gefreut hat?
Noch nicht.
Beim Spiel gegen Großaspach waren vier, fünf Salzburger Profis da. Auch das ist Teamgeist und Identifikation.
Roman Wallner war der erste RB-Ösi, der von Salzburg nach Leipzig wechselte und den gewünschten Synergieeffekt zumindest andeutete. Wann fliegt der nächste Salzburger Rote Bulle ein?
Wann, weiß ich nicht. Aber es ist natürlich beabsichtigt, die Durchlässigkeit in beide Richtungen zu erhöhen. Wir spielen den gleichen Fußball, suchen junge, hungrige, schnelle Jungs. Wobei das nicht heißt, dass ein 30-Jähriger nicht schnell und hungrig sein kann. Weil beide Clubs die gleichen Spieler suchen, werden wir die Scouting-Abteilungen in Leipzig und Salzburg verzahnen.
In Salzburg hat es seit Jahren kein RB-Jugendspieler bis in den Profikader geschafft, in Leipzig trainieren mit Tom Nattermann und Matthias Hamrol zumindest zwei aus den A-Junioren oben mit. Ausbaufähige Bilanz.
Wir arbeiten daran, die Jugendarbeit in beiden Clubs zu optimieren. In Salzburg entsteht eine Akademie, die sich europaweit nicht verstecken muss. Es darf nicht mehr passieren, dass Spieler wie Arnautovic oder Harnik durch unser Netz rutschen. Wenn wir sie schon nicht bekommen, müssen wir sie wenigstens angesprochen und auf der Liste gehabt haben. In der Leipziger Akademie müssen perspektivisch alle guten Nachwuchsspieler im Umkreis von 200 Kilometer trainieren. Wir haben in beiden Vereinen Top-Bedingungen, verfolgen eine einheitliche Philosophie. Ob genügend Top-Trainer da sind, um den Jungs unsere Philosophie zu vermitteln, werden wir herausfinden.
Sie waren Trainer beim VfB Stuttgart, dem anerkannt besten Ausbildungsverein der Republik. Entsteht in Salzburg und Leipzig ein VfB in Kleinformat?
Wäre wünschenswert. Es wurden übrigens gerade drei Leipziger U-15-Spieler für die Nationalmannschaft nominiert. Das ist ein Anfang. Der VfB produziert seit Jahren unglaublich viele Spieler, in der 1. und 2. Liga tummeln sich über 100, die aus dem Stuttgarter Nachwuchs stammen. Die Bundesliga-Mannschaft kann die alle gar nicht aufnehmen, so viel kommt da nach.
In Leipzig wurden jede Menge Posten neu besetzt. Musste das alles sein?
Veränderungen erfüllen keinen Selbstzweck, verfolgen eine Strategie. Gute, motivierte Leute schicken wir nicht weg.
Sie gelten als Kontrollfreak, waren als Cheftrainer auf Schalke eine Kerze, die an beiden Enden und in der Mitte brannte. Nach Ihrem Erschöpfungssyndrom haben Sie sich die Mammutaufgabe bei Red Bull ans Bein gebunden. Delegieren Sie jetzt mehr als früher?
In den ersten Wochen ist man im Dauereinsatz, könnte der Tag auch 48 Stunden haben. Man kommt kaum zum schlafen und essen. Wir haben in fünf Wochen so viel verändert, wie andere Clubs in fünf Monaten, Wahnsinn. Ich bin wieder bei Kräften, habe riesigen Spaß an dem Job. Als Coach habe ich immer gedacht: Das nächste Spiel ist das wichtigste meines Lebens. Und wenn wir das gewonnen haben, war keine Zeit, das zu genießen.
Weil schon das nächste wichtigste Spiel um die Ecke kam.
Ja. Jetzt habe ich erkannt, dass ich nur ein Leben habe, erfolgsorientiertes Arbeiten und Freude am Leben sich nicht ausschließen müssen. Man muss auf sich aufpassen.
Wie sehr müssen Sie auf Ihre Trainer Roger Schmidt in Salzburg und Alexander Zorniger in Leipzig aufpassen?
Gar nicht, wir verstehen uns als Partner, vertrauen uns, tauschen uns aus. Ich stehe jederzeit mit Rat und Tat zur Verfügung, weiß aus eigenem Erleben als Trainer, wie weit ein Sportdirektor gehen kann - und bis zu welchem Punkt sich der Trainer wohlfühlt. Wenn Roger oder Alexander wollen, dass ich mich mit auf die Bank setze, tue ich das.
Selbst Sie können nicht gleichzeitig auf beiden Bänken sitzen. Wie funktioniert der Spagat?
Ich verbringe aktuell etwas mehr Zeit in Salzburg, weil dort schon die Saison angefangen hat. Beide Clubs sind gleichberechtigt, ich habe kein Lieblingskind.
Sie haben den Sportpsychologen Philipp Laux von Bayern München nach Leipzig geholt. Mussten Sie Matthias Sammer dafür das Versprechen geben, in Bälde Herrn Heynckes zu beerben? Der Trainer Rangnick passt bestens ins Beuteschema des Sportchefs Sammer.
Das ist etwas zu viel der Ehre. Außerdem habe ich gerade einen Vertrag bei Red Bull unterschrieben und wirklich große Lust auf das, was da kommt.
Wie intensiv ist der Kontakt zu RB-Chef Dietrich Mateschitz? Mag er Fußball oder ist das nur Business für ihn?
Wir hören oder sehen uns fast täglich. Er ist nah dran am Geschehen, verfolgt auch wirtschaftliche Interessen. Ich sehe da keinen Widerspruch.

Interview: Guido Schäfer
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