RB-Fans gründen Dachverband
Es war das letzte Heimspiel des Jahres 2012. In der Red Bull Arena war CZ Jena zu Gast und planmäßig sollte unsere Mannschaft für die starke Hinrunde von den Fans gefeiert werden. Doch das Fußballfest zum Hinrundenabschluss vor großartiger Kulisse entwickelte sich für unseren B-Sektor zu einem mittleren Desaster. Die bundesweite Aktion 12:12 lief in Leipzig schief - aufgrund fehlender Kommunikation im Vorfeld und (alten) Differenzen unter den Fangruppierungen.
Die Erkenntnis nach dem Spiel: So darf und kann es nicht weiter gehen. Der Fanblock, dessen ureigene Aufgabe es ist, die Mannschaft zu unterstützen und als geschlossene "Wand" wahrgenommen zu werden, blamierte sich im Umgang mit Andersdenkenden und erleidete Schiffbruch. Es war also an der Zeit, zu reagieren. Die Probleme zu erkennen, anzusprechen und gegenzusteuern. Aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und neue Konzepte zu entwickeln. Und es wurde gehandelt.
Der Fanbeauftragte Ingo Hertzsch und der Fanbetreuer Enrico Hommel baten gestern Abend jeweils zwei Vertreter aller organisierten Fangruppierungen und Interessengemeinschaften zu einem Gespräch, in dem die Defizite der Fanentwicklung des Jahres 2012 angesprochen wurden. Fazit: Es mangelt aus verschiedenen Gründen erheblich an Kommunikationskanälen zwischen den Organisationen. Vor diesem Hintergrund wurde unter Anwesenheit folgender Gruppierungen...
L.E. Bulls (Offizieller Fanclub)
Bulls Club (Offizieller Fanclub)
RBL Fans Delitzsch (Offizieller Fanclub)
RB Freunde Bennewitz (Offizieller Fanclub)
Glücksbullen (Offzieller Fanclub)
Red Aces (Fanclub)
Sachsenbulls (Fanclub)
Rasenballisten (Interessengemeinschaft)
Vertreter des Sprottaer Bullenstalls (Offizieller Fanclub) waren aus beruflichen Gründen leider verhindert
....ohne Gegenstimme und einvernehmlich ein Fan-Dachverband gegründet. Er soll künftig in regelmäßigen Abständen als beratendes, übergeordnetes Gremium tagen und die verschiedenen Strömungen innerhalb der Fanszene kanalisieren sowie die Kommunikation untereinander vereinfachen. Weiterhin soll er helfen, Kompromisse bei strittigen Fragen zu finden und den Organisationsgrad der Fanclubs zu verbessern.
Im weiteren Verlauf der Sitzung wurde intensiv darüber debattiert, wie sich die Stimmgewalt im Dachverband verteilen soll. Erhalten Fanclubs, die regelmäßig zu Auswärtsspielen reisen und bei Heimpartien anwesend sind, aufgrund ihrer Aktivität eine höhere Stimmgewichtung ? Wenn ja, wie ist eine derartige Aktivität realistisch messbar? Soll basisdemokratisch jede Stimme eines Mitgliedes im Dachverband die gleiche Wertigkeit haben wie eine Andere? Ist es aber sinnvoll, einem Fanclub, der bspw. 20 Mitglieder vertritt, die selbe Anzahl an Stimmen zu geben wie einem Fanclub, der über 300 Mitglieder repräsentiert? Die Entscheidung fiel - bei Enthaltung der Red Aces und des Bulls Club - auf eine andere Lösung: Die offiziellen Fanclubs erhalten demnach künftig jeweils 3 Stimmen, alle anderen organisierten Mitglieder im Dachverband jeweils 2. Damit soll gewährleistet sein, dass auch die "kleinen" Fanclubs/Interessengemeinschaften im Dachverband Gehör finden und das Verfahren zur Stimmverteilung nicht zu einem komplizierten Rechenmodell verkommt.
Das Verfassen einer Satzung und die Wahl eines Vorstandes - sofern notwendig - soll noch bis zum Rückrundenstart realisiert werden. Bis zum zweiten Dachverbandstreffen Anfang Februar wird zunächst der Fanbetreuer Enrico Hommel (enrico.hommel@redbulls.com) kommissarisch als erster Ansprechpartner des Dachverbandes fungieren. An ihn wenden sich zunächst auch neue Fanclubs/Interessengemeinschaften, die ebenfalls im Dachverband vertreten sein wollen.
Rojiblanco
Kommentar: Ein wichtiger Schritt
Die
Fanentwicklung der roten Bullen hat in den dreieinhalb Jahren, in
denen es nun schon um das große Fernziel Bundesliga geht, eine
beachtliche Entwicklung genommen: große Choreographien, zahlreiche
Fanclubs, beeindruckende Auswärtsfahrerzahlen und einige Spiele wie
im DFB-Pokal gegen
Wolfsburg oder vor
Rekordkulisse jüngst gegen
Lok, in denen Stimmung und
Begeisterungsfähigkeit auf den Rängen für
Gänsehaut sorgten.
Das letzte Heimspiel gegen
Jena ließ zudem mehr als deutlich durchblicken, dass zahlreiche
Anhänger von RB Leipzig Fußball in der Schüssel nicht bloß
konsumieren, sondern sich auch mit fankulturellen Belangen
auseinandersetzen – natürlich
geht es um 12:12.
Diese Auseinandersetzung fand innerhalb des Fanblocks während der ersten Minuten des besagten Spiels statt. Und ich bin durchaus der Meinung, dass sie genau dort hin gehört, an den einzigen Ort, an dem OFCs, Fanclubs und sonstige Anhänger aufeinandertreffen. Pfiffe, mit denen 12:12-Gegner von 12:12-Befürwortern bedacht wurden, müssen nicht überdramatisiert werden – sie sind nun einmal neben Applaus oder Schweigen eine simple Ausdrucksform des eigenen Willens. Deshalb droht sicher nicht gleich die Spaltung des Fanblocks. Was vor, während und nach diesen zwölf Minuten und zwölf Sekunden jedoch sichtbar geworden ist, das sind Probleme, die zuvor wohl schon eine ganze Weile unter der Oberfläche gebrodelt haben müssen. Und die haben im Wesentlichen mit Kommunikation und Transparenz zu tun. Kaum einer der Fanclubs konnte oder wollte dem Wunsch vieler unorganisierter Fans nach Orientierung nachkommen – und sagen, wie er sich in Bezug zu 12:12 verhält. Selbst den Fanclubs untereinander fehlte dieses Wissen offenbar.
Die
Gründung des Dachverbandes ist deshalb der richtige Schritt. Er
ermöglicht es allen Fangruppierungen rund um RB Leipzig, die eigenen
Ansichten vorzustellen, zu diskutieren und gemeinsam Kompromisse zu
finden. Ob sich bei Themen
wie 12:12 ein solcher hätte finden und – falls nicht – die
Mehrheitsmeinung von oben durchdrücken lassen, steht auf einem
anderen Blatt. Ähnlich
heikle Themen dürften zumindest in der Regionalliga auf absehbare
Zeit eh nicht wieder auf dem Programm stehen.
Wichtig ist aber,
dass überhaupt erst einmal Kommunikation stattfindet und
nichtorganisierte Fans jene
Kommunikation sowie deren Ergebnisse nachvollziehen
können und darüber Bescheid wissen.
Die
gestrige Gründungssitzung stimmt vorsichtig optimistisch. Einerseits
weil sie alle relevanten Gruppierungen an den Tisch geholt hat –
den OFC mit vielen Familien
genauso wie den Fanclub mit tendenzieller Ultrakultur – und
andererseits an diesem Tisch auch – kontrovers – miteinander
diskutiert wurde. Zunächst
einmal über die Frage, was dieser Dachverband überhaupt leisten
können soll und wie sich das Stimmrecht auf seine Mitglieder
verteilt. Dass sich in
dieser Frage beispielsweise ein Vertreter des Bulls Club für eine
Gruppierung wie die Red Aces einsetzt – von außen
betrachtet zwei sich nicht wahnsinnig nahe stehende Fanclubs – ist
ein gutes Zeichen.
Natürlich
wird es im Dachverband um Fragen wie Choreographien, Fangesänge oder
die Organisation von Auswärtsfahrten gehen. In all diesen Fragen
sollte man auf einen gemeinsamen Nenner kommen können. Was
dieser Dachverband zu leisten imstande ist, muss er dann zeigen, wenn
er regelmäßig mit weit kniffligeren Aufgaben konfrontiert wird:
Wenn es um den Umgang mit einem Klientel geht, das in Zukunft –
noch stärker als das leider
jetzt schon der Fall ist –
den Weg zu RB finden wird und während der Spiele rassistisch,
antisemitisch oder homophob entgleist. Wenn
es um die Auswertung von Auswärtsfahrten geht, bei denen die Fans
von RB auch mal negative Erfahrungen mit der Polizei gemacht haben.
Oder wenn es um den Umgang mit zunehmender Präsenz der Marke Red
Bull geht, die nur eine Frage von Aufstiegen sein dürfte, wenn
es also um Kommerz vs. Rasenballismus geht.
Erst dann wird sich zeigen,
ob dieser Gründungstag rückblickend wirklich ein historischer in
der Geschichte des Vereins war. Aufgrund des erkennbaren guten
Willens aller Beteiligten sollte dem Dachverband ein gehöriger
Vertrauensvorschuss jedoch gewährt werden.
Loch