Stellt sich die Systemfrage?
Rangnicks Philosophie
Ohne Tempo und Spielwitz gäbe es keine Möglichkeit, im modernen Fußball Torchancen zu kreieren. Dies war die Aussage von Ralf Rangnick auf dem Internationalen Trainerkongress 2013 des Bund der deutschen Fußballlehrer. "Spielwitz ist im Prinzip auch indirekt ein Spielbeschleuniger." führt der Sportdirektor von Leipzig und Salzburg weiter aus. So reduziert sich die Rangnicksche Spielidee auf ein wesentliches Element: Das Tempo.
Die Grundidee ist es, den Gegner in Unordnung zu erwischen, mit dem Tempo in die "Problemzonen" einzudringen und den schnellen Abschluss zu finden. 10 Sekunden nach Balleroberung bis zum Torschuss, 5 Sekunden nach Ballverlust für die Wiedereroberung (Gegenpressing) sind die Zeitintervalle, welche Rangnick als magische Grenze postuliert. Für die Balleroberung werden die ballführenden Gegner aggressiv angelaufen und so versucht, sie zu Abspielfehlern zu bringen oder sie in einen bereits zugestellten Raum zu lenken (Pressingfalle). Gern wird dieses Pressing in den Medien als ein Anlaufen zu jeder Zeit beschrieben, aber das ist nicht ganz richtig. Das Pressing, wenngleich es doch sehr intensiv ist, erfolgt situativ durch bestimmte Auslöser. Bei dem Gegenpressing ist dies anders. Sobald der Ball verloren wurden (Fehlpass, verlorener Zweikampf) soll sofort wieder attackiert werden. Um dies zu erreichen, soll immer Überzahlsituation in Ballnähe geschaffen werden. Deshalb sollen enge Räume bespielt und mit Mitspielern überladen werden. Das fordert eine starke lokale Kompaktheit.
Ob nun durch Pressing oder Gegenpressing. Ist der Ball erobert bewegt sich der Gegner in der Regel vom eigenen Tor weg und muss sich nach der Umschaltbewegung zurück orientieren. Damit die Gegenspieler nicht die Zeit bekommen sich defensiv wieder zu sortieren und sich geordnet hinter den Ball zu stellen, muss schnell in die Spitze gespielt werden, häufig mit risikoreichen Pässen.
Zornigers Umsetzung
Das Kernstück von RB Leipzig ist das Mittelfeld. Balljäger, Ballverteiler, Vorbereiter und Torjäger. Dabei gibt es nominell eine 1-2-1 Aufteilung mit einem Sechser (Khedira), der den Ball verteilen soll. Davor agieren zwei Achter. Angestammt hier waren eigentlich Demme und Kimmich. Ein asymmetrisches Pärchen. Wo Kimmich deutlich mehr an der Offensive, insbesondere dem Pass in die Tiefe teil hat, zeigt Demme eher einen defensiveren Part. In Zahlen: Kimmich kommt auf 11 Torschüsse und 32 Torschuss bzw. Torvorlagen bei 864 Minuten Spielzeit, Demme auf 9 Torschüsse und 17 Torschuss bzw. Torvorlagen in 1015 Minuten. Der Unterschied bei den Torschussvorlagen ist gerechnet auf die Spielzeit 27 Minuten pro Vorlage gegen knapp 60 Minuten signifikant, wobei auch Demme durchaus aus der Tiefe glänzen konnte, dies belegen seine guten Werte bei Pässen auf spätere Torvorlagengeber. Jene Asymmetrie wird noch unterstützt durch die unterschiedliche Interpretation des Außenverteidiger von Jung und Teigl. Vor allem die rechte Seite war häufig offensiv auffälliger, weil hier durch Kimmich, Teigl und den einrückenden Kaiser oder Poulsen viel Tempo und Passqualität herrscht. Auf diese Weise wird der Ball erobert und die schnellen Teigl oder Poulsen durch einen Pass in die Schnittstelle in Szene gesetzt. Auf der linken Seite spielt das Duo Demme/Jung deutlich defensiver. Nicht selten kommt es zu den RB-Spiel untypischen Halbraumflanken. Hauptposten für die Offensivaktionen bleibt ohne Zweifel der Kaiser. 25 Torschüsse (inklusive Tore/alle 34 Minuten) und 36 Tor- oder Torschussvorlagen (alle 23 Minuten) bei 847 Minuten Einsatzzeit sind die überzeugenden Werte. Sowohl als Pressinginitiator, Balleroberer und Ballverwerter bleibt Dominik Kaiser im offensiven Mittelfeld eine Waffe.
Ein zweites Stilmittel neben den Schnittstellenpässen ist der lange weite Ball. Zum einen, um schnell hinter die Abwehr zu kommen, zum anderen, um den Ball entweder zu sichern oder den zweiten Ball zu gewinnen. Der weite Ball hinter die Abwehr soll die Sprintstärken von Poulsen und Morys (oder Teigl) nutzen. Gelingt es jedoch nicht den Ball hinter die Defensive zu bekommen, dann heißt es entweder den Ball sichern durch Frahn oder Boyd oder den zweiten Ball zu erobern in dem sofort in das Gegenpressing gegangen wird. Besonders in Erinnerung bleibt dabei das zweite Tor von Georg Teigl in Düsseldorf und die Anstoßvariante nach Zorniger.
Die Probleme
Seit dem Nürnbergspiel scheint es einen Bruch zu geben. Konnte die Mannschaft noch im Heimspiel gegen Heidenheim ein klares Übergewicht und eine Mehrzahl an Chancen kreieren, sank die Quote qualitativ guter Chancen in den folgenden Spielen. Trotz des Sieges gegen Bochum (beide Tore als Folge ruhender Bälle) zeigt sich eine gewisse Offensivschwäche. Gegen Nürnberg, Kaiserslautern und Darmstadt kein eigenes Tor, gegen Heidenheim ein direkter Standard. Hat die 2.Bundesliga das Allheilmittel gegen das Leipziger Spiel gefunden? Die Antwort darauf ist nicht so einfach.
Nur noch Yussuf Poulsen
Bei den letzten drei Spielen ohne Tor (Nürnberg, Lautern, Darmstadt) gab es genau drei offensive Szenen. Ein Abseitstor (Nürnberg), einen Ball, den die Abwehr aus zwei Metern noch entscheidend blockt (Lautern) und einen Torschuss, den der Keeper mit dem Gesicht entschärft (Darmstadt). An allen drei Szenen war Poulsen beteiligt. Der junge dänische Nationalspieler schlug famos in der zweiten Bundesliga ein, erzielte sechs Tore, gab eine Vorlage und ist der Unruheherd im Leipziger Spiel. Dementsprechend bekommt Poulsen auch die Aufmerksamkeit der gegnerischen Abwehrspieler. So wird der Stürmer immer häufiger gedoppelt oder sein Laufweg zugestellt.
Zusätzlich reibt sich unser Danish Dynamite immer mehr in Zweikämpfen (absolviert regelmäßig die meisten auf dem Platz) auf, läuft sich in zugestellten Räumen fest oder bekommt den Ball hoch zugespielt. Gerade mit den hohen Bällen und der hohen Qualität der Innenverteidiger in der 2. Bundesliga hat Poulsen auch hier häufig das Nachsehen. Es ist ausrechenbar geworden: Hat RB Leipzig den Ball, dann wird Yussuf Poulsen gesucht.
Wo ist der Spielwitz
Viel Ballbesitz? Gute Zweikampfquote? Als Indikator für ein gutes Spiel nicht zu gebrauchen. Auf die Saison gesehen ist Darmstadt Schlusslicht bei diesen Werten. Korrelation zwischen dem Spielausgang unserer Spiele und dem Ballbesitz? Gegen Darmstadt (0:1), Nürnberg (0:1), Union Berlin (1:2), Aalen (0:0), Aue (1:0) hatte Leipzig den Ball mehr im eigenen Besitz. Einzig der statistische Ausreißer von 1860 (3:0) bei knapp über 50% Ballbesitz stehen den Beispielen gegenüber. Trotzdem zeigt es klar: Überlässt der Gegner RB Leipzig das Spiel, dann werden Tore Mangelware. Es wohnt dem System inne, dass Räume, auch während des eigenen Ballbesitzes, verknappt werden. Alexander Zorniger nennt es KAI. Kompakt, Alle, Immer. Nur so kann jederzeit die Überzahl in Ballnähe für das wichtige Gegenpressing erreicht werden. Da das Gegenpressing eine fundamentale Säule des Spieles ist, sind Fehlpässe und verlorenen Zweikämpfe Sinn und Essenz des Spieles und nicht zwangsläufig ein Problem. So ungern die Fans es sehen, eine hohe Fehlpassquote gehört zum Leipziger Stil. Ein Problem wird es erst dann, wenn der Gegner kaum selbst umschaltet oder sich befreien kann (zum Beispiel Diagonalbälle). Denn so muss sich RB Leipzig eigenfüßig zum Tor kombinieren. Da der Weg dahin selten frei ist und es kaum Breite im eigenen Spiel gibt (KAI) muss auf engstem Raum entweder allein durchgebrochen, als Mannschaft durchkombiniert oder die Abwehr hoch überspielt werden. Zuletzt war es selten die spielerische Lösung (bspw. der Einsatz von Doppelpässen) die zum Ziel führte (letztes klassisch erspieltes Tor von Teigl gegen Düsseldorf) und es wurde zu hohen Bällen gegriffen. Mit überschaubarem Erfolg.
Die Gegner
Auch wenn die lokale Presse schon titelte, dass der RB Leipzig Code geknackt sei, so hatte doch jeder der letzten Trainer seine eigenen Ansätze, Leipzig den Zahn zu ziehen. Heidenheim und Darmstadt (besonders erfahren und letztlich auch besonders erfolgreich in der Bekämpfung des Zornigersystems) spielten bei kleinster Gefahr schon den langen Ball, womit die Leipziger Offensive überhaupt nicht in das Pressing kam. Gern genommen Pressingtrigger wie das flache Anspiel eines Innenverteidigers, der mit dem Rücken zum Spiel steht oder ein flaches Anspiel eines Außenverteidigers kommen so gar nicht zu Stande. Kaiserslautern und Aue befreiten sich gern auch einfach spielerisch, wodurch sich nach Befreiung direkt Räume ergaben. Vor allem die Gäste vom Betzenberg liefen 10 km weniger als die Leipziger und schafften es trotzdem über das gesamte Spiel mindestens auf Augenhöhe zu sein.
Kadersituation
Die aktuelle Personal- und Kadersituation ist ein weiterer nicht zu unterschätzender Schlüssel zum Verständnis der derzeitigen Spielkulturkrise. Dies geht bei weitem über den bereits häufig angesprochenen Punkt der relativen Beibehaltung der Aufstiegself hinaus.
Zuerst wäre der Punkt der Systemgewöhnung und -eignung zu nennen. Bereits früher hatten Spieler Anpassungsschwierigkeiten offenbart. So benötigten Jung und Teigl den Großteil einer Halbserie, um sich dem System anzupassen, Fandrich gar ein ganzes Jahr, ehe er in der letzten Rückrunde zu einer tragenden Säule wurde. Auch wenn es im Bereich der Toptalente durchaus Ausnahmen gibt, wie etwa Wunschspieler Kaiser, der systemerfahrene Demme oder die Jungstars Poulsen und Kimmich. Aber auch dort gab es augenscheinliche Optimierungsprozesse. Diese Anpassungsphasen potenzieren sich derzeit mit häufigen Blessuren und Ausfällen und so spielt außer Compper und Khedira kein Neuzugang eine tragende Rolle und selbst die beiden letztgenannten hatten bereits mit Verletzungen zu kämpfen.
Insofern kann durchaus die These aufgestellt werden, dass Rangnick in dieser Transferphase bis auf Khedira kein Glücksgriff gelungen ist und Zorniger es auf der anderen Seite auch nicht geschafft hat aus den neu vorhandenen Toptalenten (Kalmár, Rebić) echte Startelfkandidaten zu formen.
Zorniger steht daher fast ausschließlich der Aufstiegskader zur Verfügung, der sich jedoch selbst noch in der Ligenanpassungsphase befindet und dessen Akteure mit Ermüdungserscheinungen (Kimmich, wohl auch die Nachwehen der verkürzten Vorbereitungsphase), Formschwäche (Demme, Kimmich) oder letztlich der Leistungsgrenze (Frahn, Morys, Heidinger, Fandrich) selbst zu kämpfen haben.
Inwiefern dies abzusehen war, ist zwar durchaus eine berechtigte Frage, hilft aber in der momentanen Situation wenig weiter. Zumindest ist Zorniger mit dem System der Belohnung der Aufstiegshelden letzte Saison noch sehr gut gefahren, wenngleich er damals mit Kimmich, Poulsen und später Demme deutlich mehr Neuzugänge zur Verfügung hatte, die den Sprung in den Kader aus dem Stand schafften.
Insgesamt macht uns die Formschwäche der Mittelfeldakteure bzw. die zeitgleiche Alternativlosigkeit von der Bank am meisten zu schaffen. Es fehlt nun deutlich an Überraschungsmomenten, während Kaiser als letztjähriger Spielgestalter par excellence durch die hohen Bälle in die Spitze selbstverschuldet aus dem Spiel genommen wird, geht die Formkrise von Demme und Kimmich passgenau mit dem mit dem Verlust der Spielkultur in den letzten Begegnungen einher und konnte durch den Einsatz von Heidinger oder Hierländer auch nicht kompensiert werden.
Fazit und Ausblick
Natürlich kann das Problem nicht nur auf die Spielidee, einen Spieler oder irgendwelche Kennwerte runtergebrochen werden. Sowohl indivduelle Formschwächen, unglückliche Spielverläufe und starke Gegner spielen genauso eine Rolle, wie die Probleme der Spielweise, der Ausrechenbarkeit und dem Umgehen des Pressings. In der Summe spielt RB Leipzig mit einem weitestgehenden Drittligakader und der gleichen Philosophie der Vorsaison in der 2. Bundesliga. Der siebte Platz ist ein durchaus realistisches Erwartungsbild.
Nach dem Spiel gegen Kasan, die man mit dem eigenen Spielstil überraschen konnten, wird St.Pauli wieder bekannte Aufgaben stellen. Die Frage ist, was bringt den einzig wahren Rasenballsport wieder in die Spur?
Am Spielsystem wird Zorniger nicht viel ändern, aber durch die Spieler wird es neue Impulse geben müssen. Nach der Länderspielpause, sollten die Mittelfeldakteure um Demme und Kimmich formverbessert zurückkehren. Ein Boyd als "Brecher" im Sturm könnte nach weiterer Eingewöhnung eine neue Alternative werden und die offensiven Spielzüge weniger durchschaubar machen, hat zudem bereits bewiesen, dass er mehr Einfluss aufs Spiel mit dem Ball nehmen kann als der Kapitän. Mittelfristig muss jedoch auch an Breite des Kaders gearbeitet werden. Dabei sollten auch Rangnick (Palacios, Rebić, Kalmár) und Zorniger (Morys) versuchen wieder auf eine Welle zu liegen. Überlässt jedoch der Gegner wieder den Roten Bullen den Ball, dann muss auch das sportliche Führungsduo sich etwas einfallen lassen. Eine Rückkehr zum 4-3-3? Mehr Breite? Alexander Zorniger hat das Vertrauen, dass Ralf Rangnick in ihn setzte mit zwei Aufstiegen zurückgezahlt, jetzt wird er es erneut bestätigen und Lösungsansätze finden müssen.
crank / Rumpelstilzchen
dann kommt man trockenen Fußes rüber bzw baut RB dann sicher eine Schnellfahrstraße für die Spieler zur direkten Anbindung der Parkplätze unter dem Stadion