Einzelkritik: RB Leipzig – Eintracht Braunschweig
Ein echtes Ausrufezeichen zum Jahresbeginn. So kann man durchaus den Sieg gegen Braunschweig beschreiben, von den Verfolgern im "Entscheidungsspiel" war hingegen wenig bis nichts zu sehen. RBL agierte mit der Ausnahme einer kurzen Schwächephase um die Halbzeit herum souverän und ließ der Offensive des BTSV kaum Möglichkeiten zur Entfaltung. Zwar forderte die intensive Balljagd gegen Ende des Spiels ihren Tribut, als im Rahmen der Spielstandverwaltung die Offensive ins Stottern geriet, bis zum 2:0 musste der geneigte Rasenballsportfan jedoch keine Befürchtungen hegen.
Besonders in Sachen Zweikämpfe wurden neue Maßstäbe gesetzt: Über 60% entschieden die Mannen von Rangnick für sich – Saisonbestwert (zuvor 55%+). Besonders im und am Strafraum kamen die Braunschweiger um Kumbela & Co kaum zum Zug. Hier funktionierte die Verteidigung besonders gut, denn auch wenn der Ball im Spielaufbau verloren ging (bspw. im Spielaufbau durch Compper, Klostermann oder Demme), so war in Tornähe immer wieder ein herbeieilender Mitspieler zur Stelle. Auch Rückkehrer Jung präsentierte sich relativ sicher, hatte zwar defensiv etwas mehr Probleme als Klostermann, schaltete sich dafür aber auch offensiv einige Mal ins Spiel ein. Im Mittelfeld konnte Ilsanker an seine steigende Form anknüpfen und bildete mit Demme ein fast schon unüberwindliches Bollwerk, zudem zeigte er sich auch in der Spieleröffnung verbessert. In der Offensive wirbelten Sabitzer (geradliniger) und Forsberg (verspielter) hinter Poulsen, der extrem umtriebig war und wie zu den besten keinen Zweikampf scheute, jedoch im Abschluss ebenso an frühere Probleme erinnerte. Nichtsdestotrotz in dieser Form ein wichtiger Bestandteil des Teams und für den Gegner nur schwer zu bändigender Unruheherd, der den Mittelfeldspielern Räume eröffnen kann.
Ein ganz anderer Unruheherd könnte auf der millionenschweren Bank entstehen. 18 Millionen Euro Transferwert schmorten am Sonntag bis zum Spielende in Form von Selke, Bruno und Nukan auf der Bank. Der Weg in die Startelf zurück führt über die momentan stark aufspielenden Demme, Compper und Poulsen, kein Zuckerschlecken für die drei und mit der Bevorzugung von Quaschner am Spielende auch ein Grund für den, laut Rangnick, "long-face-day" bei einigen.
Wenn man Kritikpunkte ansprechen will, dann die überschaubare Chancenverwertung bzw. das konsequente Ausspielen der Möglichkeiten. Nicht umsonst resultierten beide Treffer aus Standards – sicher auch eine Qualität (wo wären Ingolstadt und Darmstadt derzeit ohne ihre Standard- und Defensivstärke), jedoch sollte man weiterhin bestrebt sein, die offensive Abläufe in Bezug auf die Torausbeute zu optimieren. Insofern war es dennoch beeindruckend, wie man gegen die defensiv bisher sehr gut sortierten Löwen immer wieder Lücken erzwang und zu Chancen kam. St. Pauli wird in dieser Hinsicht ein weiterer Gradmesser. Braunschweig enttäuschte nach dem Abgang von Berggreen und der Verletzung von Abwehrchef Correia weitestgehend, was eine Einordnung der Leipziger Leistung erschwert. Lieberknecht fasste das Spiel wie folgt zusammen: "Wir haben gegen einen Gegner gespielt, der gestern fußballerisch, taktisch, physisch und psychisch besser war als wir.". Ein nahezu perfekter Start ins neue Jahr war es auf alle Fälle, jetzt gilt es diese Form in Hamburg zu bestätigen.
ZQ=Zweikampfquote / PQ = Passquote / TSB = Torschussbeteiligungen
Fabio Coltorti
Die tragische Figur des Spiels, muss mit einer Schulterverletzung nun vier Wochen pausieren. Schonte sich auch im Zweikampf mit Landsmann Decarli nicht und ging in der 33. verletzt vom Platz. Seine Präsenz und Führungsstärke wird in den nächsten Spielen fehlen, selbige muss bei dem Ungarn erst noch organisch heranwachsen, sollte Gulácsi bis zu seiner Rückkehr weitestgehend fehlerfrei agieren, hätte Rangnick ein weiteres Luxusproblem. Bis dahin bleibt zu sagen: Gute Besserung Fabio!
Péter Gulácsi
Der Moment auf den der Ungar so lange gewartet hat und gerade im Tor bedeutet dies meist, dass der ursprüngliche Stammplatzinhaber sich verletzt. Gulásci war in der einzigen Druckphase des BTSV auf dem Feld (40.-50.), hatte einige leichte Wackler in der 5-Meter-Raum-Präsenz, dafür jedoch eine schöne Parade gegen Khelifi, dessen satten Schuss er mit den Fingerspitzen noch berührte. Im Großen und Ganzen gab es daher wenig zu beanstanden. Wird wohl auch in den kommenden Wochen im Kasten stehen und hat die Nase klar vor Bellot (als dritter Torhüter wird nun Sowade herangeführt). Insgesamt ist jetzt die Zeit gekommen, um zu zeigen, warum Rangnick große Stücke auf den Ungar hält. Das ihm noch etwas die Spielpraxis fehlt, konnte man durchaus erahnen.
Willi Orban (ZQ 87,8%, PQ 72%, TSB 1)
Der Abwehrchef ist zurecht einer der gesetzten Spieler im Team, hatte eine sehr gute Abstimmung mit Compper und ein wenig Pech, dass sein Kopfball nicht den Weg ins Tor fand (14.). Nach Jung der Feldspieler mit der besten Zweikampfquote (und den meisten Zweikämpfen der Abwehrreihe) und nur in wenigen Situationen zweiter Sieger. Kaum Fehlpässe in der eigenen Hälfte und daher auch mit der besten Passquote aller Feldspieler. Auch mit einigen guten spieleinleitenden Pässen. Musste torbedingt trotzdem in Sachen Kicker Elf des Tages Compper den Vortritt lassen.
Marvin Compper (ZQ 52,2%, PQ 81,1%, TSB 3)
Der Oldie im Team hat den internen Kampf mit Nukan vorerst für sich entschieden und erlebt unter Rangnick seinen zweiten Frühling. Bereits letztes Jahr mit soliden Leistungen, zeigt die Formkurve weiter nach oben. War meist für die Spieleinleitung aus der IV zuständig, besonders im Zentrum aber mit einigen verlorenen Zweikämpfen und mannschaftsintern mit eher ausbaufähiger Zweikampfquote (nur Forsberg und Sabitzer waren auf deutlich engerem Raum schlechter). Insgesamt jedoch kaum gefährliche Situationen zugelassen und vorne reaktionsschnell das vorentscheidende 2:0 erzielt, ein gelungener Tag für den "Altmeister".
Lukas Klostermann (ZQ 64,7%, PQ 63,9%, TSB 2)
Defensiv solide und mit einigen wichtigen Zweikämpfen in der eigenen Hälfte, offensiv ausbaufähig (10 angekommene Pässe auf die Offensivspieler, Jung mit 19, dazu nur wenige gewonnene Duelle vor der Mittellinie), wenn auch mit sehenswertem Abschluss aus spitzem Winkel (21.). Nach seinen guten Leistungen in der Hinrunde spielt hierbei sicher auch die gesteigerte Erwartungshaltung eine Rolle. Für sein auch im RBL-internen Vergleich jugendliches Alter aber sehr abgeklärt und dazu mit vielen Sprints (32 Sprints sind Spitzenwert vor Poulsen (31) und Sabitzer (30)). Jedoch nur bedingt mit der asymetrischen Spielauslage und Kaiser vor ihm abgestimmt und besonders in der zweiten Halbzeit eher defensiv auffällig.
Anthony Jung (ZQ 73,7%, PQ 81,8%, TSB 5)
Die Auferstehung des Anthony Jung? Man könnte es fast meinen. Jung zeigte, dass er in der Winterpause den Abstand zu Halstenberg verkürzen konnte, was ein wenig an seine gute Drittligarückrunde erinnert, als er ebenfalls durch den Konkurrenzkampf beflügelt wurde. Defensiv gegen den starken Khelifi nur selten das Nachsehen und offensiv mit einigen guten Ansätzen. Beste Zweikampfquote und drittbeste Passquote der Feldspieler, besonders in der ersten Halbzeit unglaublich sicher (80% Zweikampfquote und 94% Passquote). Dazu gute Standards, deren Höhepunkt der Freistoß war, der schließlich zum Abstauber Comppers führte. In der Form auch gegen St. Pauli eine Option, sollte Halstenberg Trainingsrückstand haben, auch danach könnten Ansprüche auf den Stammplatz laut werden. Tolle Entwicklung!
Stefan Ilsanker (ZQ 60%, PQ 87,3%)
Agierte mehr denn je als die Zentrale Schaltstation des RBL-Spiels, trotz vieler Vertikalpässe mit der zweitbesten Passquote der Feldspieler. Dazu solide im Zweikampf und im Verbund mit dem läuferisch umtriebigeren Demme ein echtes Bollwerk, dass im Vergleich zur Hinrunde gerade in der Spieleinleitung deutliche Fortschritte verzeichnen konnte. Nur vier zugelassene Torschüsse waren nicht zuletzt dieser Kombination geschuldet. Konnte aufgrund der defensiven Spielweise der Gäste auch weiter vorn als üblich agieren.
Diego Demme (ZQ 65,4%, PQ 76,2%, TSB 1)
Wie üblich der Dauerläufer des Teams (12,2 km) und Mann mit den meisten Ballkontakten. Sorgte im Verbund mit Ilsanker für einen fast unüberwindlichen Riegel vor der Abwehr. Dazu mit guter Zweikampf- (beste der Mittelfeldspieler) und solider Passquote. Hier und da mit einigen Abspielfehlern, in der Form aber weiter gesetzt und daher derzeit der Spieler, den Bruno oder Selke wahrscheinlich überwinden müssten, um ins Team (zurück) zu kommen. Die Stabilität, welche die derzeitige Doppel-6 bietet, wird Rangnick in den Spielen bis Mitte März jedoch kaum opfern wollen.
Rani Khedira (ZQ 100%, PQ 40%)
Für die letzten Minuten als Absicherung im Spiel, abgebrüht im Zweikampf und durchaus bemüht weitere Akzente zu setzen. Gegen Ilsanker und Demme trotzdem eine Art „mission impossible“.
Dominik Kaiser (ZQ 55,6%, PQ 75%, TSB 7)
Im Vergleich zur übrigen Offensive fiel der Kapitän etwas ab, die wenigsten Ballkontakte nach Poulsen, die wenigsten Zweikämpfe aller Feldspieler und eine ausbaufähige Abstimmung mit Klostermann (nur etwa die Hälfte der Pässe die bspw. zwischen Jung und Forsberg gespielt wurden). Als Standardschütze dennoch weiterhin eine echte Waffe und daher auch mit einigen Torschussbeteiligungen. Aber wichtiger noch: er leitete das 1:0 ein und brachte auch noch andere Ecken gefährlich vor den Kasten. Sein Volleyschuss in der 19. Minute war eine der sehenswertesten Szenen der ersten Halbzeit. Ein echter Außenbahnspieler wird wohl nicht mehr aus dem Mittelfeldfürst, an den in der Mitte mit zahlreichen Freiheiten ausgestatteten Sabitzer führt indes kein Weg vorbei, so dass die Besetzung der dritten Offensivposition weiterhin ein Luxusproblem für Rangnick bleiben wird.
Marcel Sabitzer (ZQ 50%, PQ 67,3%, TSB 5)
Alle Freiheiten im Spiel und zeitweise eher als zweite Spitze agierend. Trotz vieler Offensivzweikämpfe immerhin 50% Zweikampfquote in den 28 Duellen (dritthöchste Anzahl). Dazu mit vielen Sprints, war stets bemüht sich anzubieten und zielstrebig zu spielen, manchmal aber auch – besonders gegen Ende des Spiels, als zusehends verwaltet wurde – gefrustet, wenn er dann nicht angespielt wurde. Konnte seine gewohnt auffällige Leistung nicht mit einem Tor krönen.
Emil Forsberg (ZQ 41,9%, PQ 71,7%, TSB 4)
Mit dem Tor zum 1:0 schnell zum Matchwinner gekürt, jedoch nicht ganz so agil wie sein kongenialer Partner Sabitzer. Mit einigen verlorenen Duellen (schlechteste Zweikampfquote) und besonders im letzten Drittel gerne etwas zu verspielt, hatte jedoch eine gute Abstimmung mit Jung und guter Passquote. Dazu mit relativ wenigen Sprints (nur halb so viele wie Sabitzer und Poulsen und stark abnehmend in der zweiten Halbzeit). Leitete mit einem Ballverlust auch die erste größere Chance des BTSV ein. Natürlich Matchwinner durch sein 1:0, was besonders als erstes Tor seit Ende Oktober neuen Schwung geben sollte, jedoch insgesamt mit Luft nach oben.
Yussuf Poulsen (ZQ 66,7%, PQ 57,6%, TSB 5)
Die Rampensau ist zurück (31 Sprints – zweitbester Wert)! Warf sich in jeden Zweikampf (36 - Spitzenwert), war abseits der Endphase, in der er etwas übertrieben eine Gelbe Karte sah in fast allen Luftduellen Sieger, daher mit einer fast schon überragenden Zweikampfquote von 66,7%. Im Bereich Ballverarbeitung jedoch immer noch mit den bekannten Schwächen (Ballmitnahme und Torschuss, jedoch gute Laufwege), daher auch – als Stürmer nicht ungewöhnlich – der schlechtesten Passquote. Hatte mehrfach ein Tor auf dem Fuß, einmal nicht abgezockt genug, einmal übersah er Forsberg. Überhaupt weiterhin ungewöhnlich, dass er nur sehr wenige Bälle vom Schweden serviert bekommt. Durch seine physische Präsenz derzeit vor Selke, was den Ex-Bremer sicher wurmen dürfte.
Nils Quaschner (ZQ 33,3%, PQ 40%)
Kam für Poulsen in den letzten Minuten, auch durch die Verletzung Coltortis bedingt, entschied sich Rangnick für eher späte Wechsel. In dieser Spielphase war jedoch schon Ergebnisverwaltung angesagt, so dass seine Hereinnahme keinen großen Einfluss mehr hatte. Die größten Auswirkungen eher im Bereich des Fingerzeigs für die Bankspieler Bruno und Selke, vor denen er den Vorzug erhielt.
Statistik:
RB Leipzig: Coltorti (33. Gulácsi) – Klostermann, Orban, Compper, Jung – Demme (89. Khedira), Ilsanker – Kaiser (C), Sabitzer, Forsberg – Poulsen (83. Quaschner)
Eintracht Braunschweig: Gikiewicz – Ofosu-Ayeh, Decarli, Baffo, Reichel (C) – Omladic, Boland (77. Matuschyk) – Khelifi, Hochscheidt (46. Ademi), Zuck (63. Holtmann) – Kumbela
Tore: 1:0 Emil Forsberg (24.), 2:0 Marvin Compper (31.)
Schiedsrichter: Felix Zwayer (Berlin)
Schüsse: 15 / 4
Ballbesitz: 58,45% / 41,55%
Zweikämpfe: 60,2% / 39,8%
Angekommene Pässe: 75,00% (366) / 60,00% (156)
Fehlpässe: 25,00% (122) / 40,00% (104)
Laufweite: 118,9 km / 115,5 km
Sprints: 228 / 211
Ecken: 10 / 3
Fouls: 15 / 22
Gelbe Karten: Orban (6), Poulsen (4) / Boland (4), Decarli (3)
Zuschauer: 28.112
Rumpelstilzchen
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