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VAR - Der Video Assistant Referee unter der Lupe

VAR - Der Video Assistant Referee unter der Lupe

Vor ein paar Wochen haben wir über die Regeländerungen zur neuen Saison berichtet. Eng damit verbunden ist die Präsenz des Video Assistant Referees (VAR), denn der Großteil der Regelanpassungen war hierfür erforderlich, weshalb wir uns diesen in unserem Artikel mal näher anschauen. (Bildquelle: ActionPictures)

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Unser neuer Redakteur Olli möchte vorausschicken, dass er seither großer Verfechter des VAR ist. Das liegt einerseits an seiner Affinität zum US-Sport, im speziellen der NFL, in der die videogestützte Entscheidungsfindung längst gelebte Praxis ist. Zum anderen hat er schon immer großen Frust empfunden, wenn Fehlentscheidungen im Fußball getroffen wurden. Diese sind mit dem VAR freilich nicht vollständig eliminiert, aber objektiv betrachtet ist die Hinzuziehung von Fernsehbildern ein zukunftsweisender Schritt für den Sport.


Philosophisch-historische Einordnung

Ist es nicht jedem von uns schon mal so gegangen, dass er in die Tischplatte beißen wollte, weil eine objektiv falsche Entscheidung so falsch stehen blieb? Bayernfans sollten ab hier nicht weiterlesen, denn ihr kennt das nicht.

In den ersten Jahrzehnten des Bestehen dieses Spiels wird es sicherlich auch diskutable Entscheidungen gegeben haben, aber logischerweise war eine Beweisführung seinerzeit aus mehreren Gründen nicht erforderlich: das Interesse war einerseits noch nicht so umfassend und der Sport derart professionalisiert und andererseits konnte ein Spiel nur entweder im Stadion oder am Radio erlebt werden- wenn überhaupt. Mit dem Eintritt des Fernsehens kam nun eine Komponente hinzu: Fehlentscheidungen waren teilweise optisch nachprüfbar geworden. Und Leute, Fehlentscheidungen oder unklare Entscheidungen gab es ohne Ende. Die erste, die mir als früheste einfiele, wäre das Wembleytor von der WM 1966, welches 2010 bei der WM in Südafrika bei gleicher Paarung mit vergleichbarer Problematik seinen 54. Geburtstag öffentlich feierte. Das Tor wurde übrigens nicht gegeben, weil der Ball selbstverständlich eindeutig vor der Linie war, wie man sieht:

Bild zu Artikel

Berühmte weitere Fehlentscheidungen gibt es viele. Um nur einige zu nennen: die Hand Gottes (oder war es doch jene von Maradona?), das Phantomtor von Thomas Helmer (er wurde in der Hölle mit ewigem Fegefeuer also Doppelpassmoderation bestraft), das Hoffenheimer Außennetztor von Herrn Kießling durch das Loch im Netz oder die mannigfaltigen Bevorteilungen des bajuwarischen Vereins (beim Autor scheint da was tief in der Psyche zu liegen).

Nun ja, immer nach einer solchen Entscheidung gab es den Ruf nach dem Videobeweis, doch die FIFA zierte sich jahrelang. Die Bastion begann zu bröckeln, als die FIFA 2012 die Torlinientechnik (Chip im Ball) zuließ. Mit der Saison 2016/2017 erprobte der DFB zunächst im Hintergrund und nicht offiziell den VAR, bis er in der Folgesaison aktiv eingesetzt wurde. Ab 2019 ist der VAR nun auch in der Champions League im Einsatz.

Eingriffsregeln

Der VAR darf nach jetzigem Stand nur in vier Situationen ins Spiel eingreifen:

▪   Verwechslung von Spielern (falsche Identität)
▪   Urteile über eine Rote Karte
▪   Urteile über Strafstöße (Elfmeter)
▪   Verifizierung eines Tors (also via Torlinientechnik und Abseits)

Geregelt wurde auch, dass der VAR nur bei klaren und offensichtlichen Fehlentscheidungen eingreifen darf und hier gibt es natürlich Spielräume, die größtenteils Anlass zu heftigen Diskussionen in den letzten Monaten führten. Zudem kann der VAR den Schiedsrichter auch darauf hinweisen, sich die strittige Szene selbst mittels eines on-field-reviews anzusehen und ggf. neu zu bewerten.

Kritische Betrachtung

Aus meiner Betrachtung heraus, hat der VAR den Bundesligafußball gefühlt aber auch nachweislich fairer gemacht.
Es gibt einen Twitteraccount (VAR-Watch), der die VAR-Entscheidungen beurteilt und zusammenfasst. Das ist nichts DFB-Offizielles, aber die jeweiligen Begründungen finde ich so plausibel, dass ich an dieser Stelle seine zusammenfassende Analyse der ersten fünf Spieltage der Saison hier teile:
-   14x korrekter VAR-Eingriff
-   2x diskutabler VAR-Eingriff
-   0x falscher VAR-Eingriff
-   2x fehlender VAR-Eingriff und
-   1x fehlendes on-field-review des Schiedsrichters.
Das spricht denke ich für sich.

Der große Wurf ist nach meiner Auffassung das Thema Abseits nach Einführung der kalibrierten Linien. Hier wurde aus einer subjektiven Grauentscheidung eine objektive Schwarz-Weiß-Entscheidung mit geringer Fehlertoleranz gemacht. Einzig die Bestimmung des genauen Zeitpunkts des Abspiels kann zu minimalen Abweichungen führen, die aber vernachlässigbar sind.

Beim Handspiel hat man mit den kürzlichen Regelungen versucht, die Definition noch deutlicher zu schärfen. Dass das hier nicht so zweifelsfrei möglich ist, wie beim Abseits, ist klar. Auch die Klarstellung, was Hand ist und was nicht, ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber in sich klarer als vorher. Beispiel hier: das Handspiel von Yussi bei Union Berlin wurde leider zu Recht aberkannt.

Und jetzt kommen wir zum Abschluss zu den Dingen, die mich persönlich stören:

1.   Umgang der Fans und Medien mit dem VAR

Beim Spiel Gladbach gegen Düsseldorf am gestrigen Sonntag wurde ein vollständig reguläres Tor für Gladbach zunächst durch fehlerhaftes Anzeigen von Abseits durch den Linienrichter zurückgenommen. Der VAR griff ein und entschied: Tor. Mit großer Verwunderung nahm ich wahr, dass die "Fußballmafia DFB"-Rufe ausblieben. Ja klar, wenn es mir nützt, bin ich dafür, wenn nicht, dann krakele ich besagten Spruch. Ich bin sehr froh, dass unser Publikum zu denen gehört, was sich hier zurücknimmt bzw. faktisch-logisch agiert. Zugegeben, in der Sehgewohnheit muss man sich umstellen, denn der Jubel wird immer etwas unterbunden, bis man sich richtig freuen darf. Ich finde aber dies geschieht zugunsten der Fairness und zur höchstmöglichen Eliminierung von Fehlentscheidungen.

Und die Medien glänzen oft genug mit gewisser Inkompetenz. Nur ein Beispiel: wenn der Sky-Kommentator und Loddar beim Spiel von Werder Bremen gegen RBL ernsthaft einen Eingriff des VAR bei der gelb-roten Karte von Konrad Laimer fordern, dann frag ich mich, wo beide die letzten zwei Saisons waren. Es ist doch ganz klar, dass der VAR bei gelben Karten (so falsch diese auch immer ist) nicht eingreifen darf.

2.   Kompetenz der Entscheidungsträger

Eklatant finde ich immer, wenn der VAR falsch entscheidet. Er hat Zeit und Mittel und dennoch kommt es immer noch zu Fehlentscheidungen. Jüngstes Beispiel, welches uns selbst betrifft, ist wieder das Spiel in Bremen. Eine klare Fehlentscheidung, den Schlag von Klaassen in das Gesicht von Nordi Mukiele nicht per Eingriff als rote Karte zu werten. Man MUSS erwarten können, dass der VAR hier eingreift.

Darüber hinaus hat der DFB noch immer ein Problem in Sachen Transparenz. Es muss in deutschen Stadien, die als die modernsten der Welt gelten, möglich sein, für die Fans einen gleichen Wissensstand zu VAR-Eingriffen herzustellen, wie für die Fernsehzuschauer zu Hause. Nur volle Transparenz schafft volle Akzeptanz und das erreicht man nur, wenn man die TV-Bilder der entsprechenden Situation auch zeitaktuell den Stadionbesuchern auf den Leinwänden zeigt. Technisch kann da nichts dagegen sprechen und die Legitimation der Schiedsrichterentscheidungen würde gestärkt.

Fazit


Aus meiner Sicht ist der VAR ein Quantensprung für faire Entscheidungen und eine Minimierung von subjektiven Schiedsrichterfehlentscheidungen im Fußball. Mit mehr Fairness geht keine Tradition oder der "Fußball, wie wir ihn früher gemocht haben" verloren. Wie könnte er auch? Die Hinnahme von klaren Fehlentscheidungen als gegebene Tatsache beschädigt den Fußball doch viel mehr. Und warum sollte man diese Möglichkeiten nicht noch weiter spinnen? Beispielsweise durch Challenge-Rechte für Trainer oder den Profi-VAR?

Olli