Zeit, Geschichte zu schreiben!
Das Halbfinale
Als RB Leipzig am Donnerstagabend den historischen Einzug in das Halbfinale schaffte, purzelten dazu noch einige Rekorde. Es ist der jüngste Klub, der es in diesem Wettbewerb je in ein Halbfinale schaffte – und das mit Nagelsmann als jüngstem Trainer. Tyler Adams ist dazu der erste Amerikaner, der ab dem Champions League-Viertelfinale ein Tor erzielen konnte. An diesem Dienstag wird es nun die Gelegenheit geben, weiter Geschichte zu schreiben.
An das Stadion des Lichts haben die Rasenballsportler noch gute Erinnerungen. Es mag einem mittlerweile wie eine Ewigkeit vorkommen, aber dort spielten wir tatsächlich schon einmal in dieser Saison, nämlich das erste Spiel der Gruppenphase bei Benfica Lissabon. Am Ende gab es einen 2:1-Auswärtssieg dank eines Doppelpacks von Timo Werner, mit dem der Grundstein für den weiteren Erfolgsweg gelegt wurde. Timo kann die Champions League mittlerweile nur noch vom Sofa aus in Südwestlondon miterleben. Dafür sind die Leipziger "nur" noch zwei Siege vom größten Triumph entfernt, den es im Vereinsfußball gibt. Da auch das Finale im Estádio da Luz stattfindet, können wir dort, wo die Reise in die Champions League-Saison begann, diese auch erfolgreich abschließen!

Ins Halbfinale gejubelt! Geht es jetzt noch weiter?
Das Halbfinale wird bekanntermaßen wie schon das Viertelfinale in nur einem KO-Spiel ausgetragen. Das sollte RBL entgegenkommen, da es das Zufallselement erhöht. Bei aller Euphorie nach dem Sieg gegen Atleti darf man nicht vergessen, dass PSG ein stärkerer Gegner ist und wir nur Außenseiter sind, dennoch wird RBL eine Chance haben. Paris hatte in seinem Viertelfinale gegen ein ballbesitzorientiertes Atalanta lange Zeit Probleme und konnte sich erst in den letzten Minuten der Partie noch mit zwei Toren ins Ziel retten. Aber mit einer konzentrierten Leistung und etwas Matchglück kann Leipzig weiterkommen. Bei einem 50/50-Spiel gegen einen Gegner auf Augenhöhe wie gegen Atletico spielt der Modus keine große Rolle. Aber gegen bessere Mannschaften sorgt es dafür, dass du keine zwei guten Spiele benötigst, sondern ein guter Tag ausreichend ist.

50 Jahre PSG - Geburtstag war am 12.8.
Der Gegner
Die Hauptstädter sind ein vergleichsweise junger Verein, der 1970 durch den Zusammenschluss zweier Pariser Vereine das Licht der Welt erblickte. Nachdem sie sich recht zügig in der ersten Liga etabliert hatten, konnten sie im Laufe der Zeit zwei Meistertitel sowie 1996 den Gewinn das europäischen Cups der Pokalsieger feiern. Der Status von PSG änderte sich dann massiv, als 2011 die Mehrheit der Anteile von Qatar Sports Investment übernommen wurde und der neue Gesellschafter begann, exorbitant in den Verein zu investieren. In den vergangenen neun Saisons konnten die Pariser sieben Mal die Meisterschaft sowie fünfmal den Pokal gewinnen und wurden zum dominierenden Team in Frankreich. Die Meisterschaften der vergangenen drei Jahre wurden mit jeweils 13, 16 und 12 Punkten Vorsprung entschieden. Außerdem mauserten sie sich zu einem internationalen Schwergewicht. Die heimische Meisterschaft und das Überstehen der Gruppenphase gehören mittlerweile zum Selbstverständnis von PSG. Wirklich gemessen werden Mannschaft und Trainer am Abschneiden in der Champions League. Man hat quasi die deutschen Verhältnisse zum Vorbild. Ein Wermutstropfen aus Sicht der Hauptstädter war dabei, dass es in den letzten sieben Saisons in der Champions League immer "nur" bis zum Viertelfinale gereicht hat. Nun stehen sie zum ersten Mal seit 1995 wieder im Halbfinale, wo endlich der große Wurf gelingen soll.

An Tuchels Dortmunder hat RBL gute Erinnerungen.
Die Vorschau
Trainiert wird die Mannschaft vom
Schwaben Thomas Tuchel. Der ist aus Leipziger Sicht bekannt dafür,
dass er dem ersten Bundesligasieg von RB als Gästecoach beigewohnt
hat. Außerdem hatte er in der Saison 2007/08 als Trainer der
Augsburger Reserve den Spieler Julian Nagelsmann unter seinen
Fittichen.
Tuchels Herangehensweise ist es, dass
seine Mannschaft den Ball haben will und sich den Gegner gerne
"zurechtlegt". Ähnlich wie im System von Nagelsmann soll
der Ballbesitz zur Spielkontrolle führen. Darauf aufbauend will man
sich häufig ins gegnerische Drittel kombinieren, um dort zu
qualitativ guten Chancen zu kommen. In der heimischen Liga klappt
dies in der Regel hervorragend. Unter Tuchels Ägide kassierte PSG
weniger als ein Gegentor pro Spiel, konnte dafür aber im Schnitt
knapp drei Treffer erzielen. Unterstützt wird dieser Matchplan von
einer individuell sehr gut besetzten Mannschaft, in der zweifelsohne
der exorbitant gut besetzte Angriff heraussticht. Der Stammsturm
namens Neymar, Mbappé und Di María hat mehr gekostet als RBL seit
seiner Gründung 2009 für Transfers ausgegeben hat – laut
Transfermarkt
420 zu 337 Millionen. Diese individuelle Qualität ermöglicht es den
Parisern, im Zweifel auch ein Spiel durch Einzelaktionen zu
entscheiden.

Das offensive PSG Dreigestirn.
Deutlich wurde dies im Viertelfinale gegen Atalanta Bergamo. Die Italiener sind bekannt dafür, auch als schlechteres Team den Ball zu wollen und sich nicht hinten einzuigeln. So machten sie Paris lange Zeit das Leben schwer, als sie trotz eigener Führung eine hohe Pressinglinie hatten und den Gegner immer wieder gut anliefen. Dafür taten sich in ihrer Hintermannschaft allerdings immer wieder Lücken auf, welche Paris anfangs noch nicht nutzen konnte. Bis die Franzosen dann bewiesen, dass man ihnen derartigen Platz nicht wiederholt lassen sollte und dass 90 gute Minuten gegen sie nicht zwangsläufig genug sind. Neymar legte ein Tor in der 90. Minute auf, Mbappé eines in der 93. Minute. Das Ende vom Lied waren dann Schulterklopfer und guter Zuspruch für Atalanta und das Weiterkommen für Paris.
Damit sich dies nicht wiederholt, wird RB einen ähnlichen Matchplan wie gegen Atletico benötigen. Hier konnten sich die Leipziger behaupten, indem sie den Ball in ihren Reihen hielten und Atletis Pressing ins Leere laufen ließen. Bis auf wenige Ausnahmen funktionierte auch die Restfeldverteidigung. Das Gegentor resultierte dementsprechend aus einer Spielphase, in der Madrid häufiger den Ball hatte und die Leipziger Joao Felix im Grunde ungestört in den Strafraum eindringen ließen. Die Moral der Leipziger Geschichte ist, dass man so wie im Viertelfinale auftreten muss, nur ohne den Defensivfehler, der zum Elfmeter führte.

Man of the Match - Supamecano. Kann die RBL Defensive auch den PSG in Schach halten?
Die Stärken unseres morgigen Gegners liegen im kontrollierten Kurzpassspiel und im Erarbeiten guter Schusspositionen. Die wahnsinnig gut besetzte Offensive ist sowohl in der Lage, sich in den Strafraum zu kombinieren, als auch Gefahr durch Einzelaktionen im Eins-gegen-Eins auf der Außenbahn zu erzeugen. Vielleicht erinnern sich einige Leser an den Kommentar des Ex-Leipzigers Diego Demme, der vor der Partie seines jetzigen Vereins Napoli gegen Barcelona meinte, man müsste Messi am besten doppelt decken. Das mag auch im Fall von Neymar und Mbappé die erste verständliche Reaktion sein, ist aber im Grunde der falsche Ansatz. All die Qualität von Paris kann nicht zum Tragen kommen, solange unser Mittelfeldmotor Kevin Kampl im Zusammenspiel mit der Hintermannschaft wieder seine Pressingresistenz unter Beweis stellt. Dies wird der Schlüssel zum Erfolg sein, auch wenn die Duelle von Upamecano gegen Mbappé & Co spektakulärer sind und mehr Aufmerksamkeit erzeugen werden. Ein weiterer Sahnetag von "Supermecano" – im Viertelfinale völlig berechtigt "Man of the match" – wird sicherlich helfen, aber bei weitem nicht ausreichend sein.
Die Aufstellungen
RB Leipzig: Sabitzer hat eine Hüftprellung, wird aber wohl spielen können (wollen, müssen).
Gulácsi – Angelino, Halstenberg, Upamecano, Klostermann, Laimer – Kampl, Sabitzer – Nkunku, Olmo – Poulsen (Schick)
Paris Saint-Germain:
Linksverteidiger Kurzawa fällt aus mit Oberschenkelproblemen, Verratti fällt vermutlich aus wegen seiner
Wadenverletzung. Torhüter Navas musste gegen Atalanta ausgewechselt werden und ist für das Halbfinale keine Option, wie am Sonntag bekannt wurde. Mbappé hatte vor einigen Wochen eine Knöchelverletzung, konnte gegen
Atalanta aber eine halbe Stunde spielen und wird gegen Leipzig mindestens im Kader stehen.
Angel Di María steht nach seiner Gelbsperre im Viertelfinale wieder zur Verfügung
Außerdem hat sich Thomas Tuchel im
Training den Bruch eines Mittelfußknochens zugezogen, aber das
sollte fürs Spiel eher irrelevant sein.
Rico – Bernat, Kimpembe, Silva, Kehrer – Marquinhos – Herrera, Gueye - Neymar, Mbappé (Icardi), Di María
dabdab