Kaderanalyse – Ist weniger tatsächlich mehr?
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Die Liste von Rasenballern, die im Winter an der Pleiße anheuerten, ist lang. Häufig waren es echte Erfolgsgeschichten. Ob nun Forsberg, der zwar den Aufstieg mit Beierlorzer nicht schaffte, aber bis heute eines DER Gesichter des Leipziger Teams war und ist oder Lookman, der hier in der Rückrunde unter Hasenhüttl zu überzeugen wusste, bis hin zu Adams & Haidara, Angeliño und Olmo oder zuletzt auch Szoboszlai. Eine vergleichbare Erfolgsgeschichte wird es diese Saison nicht geben, denn es wurde entschieden, trotz Dreifachbelastung den Kader auszudünnen und jungen Kickern wie Moriba, Brobbey oder Wosz anderswo Spielzeit zu verschaffen.
Dabei gibt es durchaus Schwachstellen. Sei es im Zentrum, wo der Typ des lautstarken und unumstrittenen Taktgebers fehlt oder auf den Außenbahnen, wo Angeliño seiner Form hinterherläuft und Offensivspezialisten Mangelware sind, oder sei es allgemein wenn es um Spieler geht, die mit Topspeed den Gegner überrumpeln könnten.

Tedesco startete perfekt ins neue Jahr, aber die Topgegner und englischen Wochen kommen erst noch.
Alles muss raus?
Einzeln betrachtet ergeben die Abgänge durchaus Sinn. Brobbey kam im Kopf scheinbar nie (oder zumindest noch nicht) in Leipzig an und braucht scheinbar die Wohlfühlatmosphäre in Amsterdam. Schade nur, dass er sich nach gutem Start dort gleich verletzt hat. Wosz hätte schon im Sommer verliehen werden müssen, zu weit abgeschlagen war er im Kader, was letztlich auch das Leihziel Halle nahelegt. Bei Moriba war es ähnlich, da passten Anspruch und Wirklichkeit nicht zusammen - auch wenn viele Fans hofften, das er sich im bisher forminstabilen Mittelfeld festspielen könne, so hat sich das leider aus den verschiedensten Gründen nicht erfüllt. Clark, bei dem die offizielle Rückleihenbestätigung noch aussteht, schaffte es zuvor nicht einmal mehr in New York in den Stamm.
Der vermutliche Hauptgedanke dahinter: durch das Ausdünnen die Teamchemie zu verbessern, den Verbliebenen mehr Einsatzchancen zu geben und ggf. auch durch die Abgänge die Gesamtlaune zu heben (den Honigkuchenpferdaward hätten Moriba und Brobbey gerüchteweise jedenfalls nicht gewonnen). Das ist nachvollziehbar, kann aber im Hinblick auf den teilweise verletzungsanfällige Kader, die anstehende Dreifachbelastung und die griechischen Alphabetwelle auch ordentlich nach hinten losgehen. Von den Junioren Novoa, Klefisch, Raebiger und Bonnah abgesehen, verfügt RBL derzeit über 18 Feldspieler (Halstenberg ein- und Clark rausgerechnet). Das ist für eine straffe Rückrunde mit zahlreichen Doppelspielwochen ein sehr schlank anmutender Kader.

Moriba direkt vom Afrika-Cup nach Valencia.
Die Dreierkette als Basis
Bevor wir einen Blick auf die Positionen werfen können, müssen wir erstmal klären, welches System Leipzig unter Tedesco spielt und wofür der Kader ausgelegt ist. Ganz klar herauskristallisiert hat sich die Dreierkette, das passt insofern, als RBL über starke Innenverteidiger verfügt, die auch teilweise am besten in einem solchen System mit Außen-IV aufgehoben sind. Davor wird wahlweise mit einem oder zwei Sechsern agiert. Wobei RBL derzeit für einen defensiv denkenden DM/ZM noch zu instabil ist. Ein Experiment das gegen Bielefeld schief ging. Ebenso klar wie die Dreierkette ist die Ausrichtung der Außenverteidiger. Wobei Angeliño schon bessere Tage hatte und sich rechts weder Klostermann (offensiv zu zahm) noch Mukiele oder Henrichs als Idealbesetzung ins Spiel bringen konnten. Im Sturm ist Silva gesetzt, hier lautet die Gretchenfrage: zwei Stürmer oder zwei OMs? Nichts gegen Poulsen und Novoa, aber vom Potenzial haben Nkunku/Olmo/Szoboszlai und auch ein fitter Forsberg die deutlich stärkeren Argumente auf ihrer Seite.

In der Hinrunde mit ein paar Schwächen, zueltzt aber wieder ein starker Rückhalt.
Tor: Pete will lange bleiben
Keine Fragen und kein Handlungsbedarf im Tor. Gulácsi ist als Kapitän gesetzt und startete solide in die Rückrunde. In der Hinrunde war er nicht immer der Rückhalt, den wir seit vielen Jahren kannten und bei der Strafraumbeherrschung bleibt weiterhin Luft nach oben. Als Kapitän ist er mir immer noch zu weit ab vom Geschehen und zu leise, was sich vermutlich auch nicht mehr ändern wird. Mit Martínez hat man dahinter einen extrem talentierten Keeper, für den Gulácsis Ankündigung, noch weiter 250 Spiele mit RBL machen zu wollen, aber fast schon wie eine Aufforderung klingt, sich anderweitig umzuschauen. Tschauner komplettiert das Dreierteam.

Die beiden Topneuzugänge des Sommers.
Innenverteidigung: Der kroatische Supermann
Trotz des Abgangs von Upamecano und Konaté ein echtes Prunkstück. Das liegt nicht zuletzt an den Neuzugängen, die hier voll einschlugen. Gvardiol und Simakan sind absolute Publikumslieblinge und Leistungsträger. Der kantige Kroate wirkt dabei etwas ausgewogener und weiß mit dem Ball etwas mehr zu überzeugen. In der Kernkompetenz sind aber beide sehr gut. Im Zentrum ist Orbán trotz leichter Geschwindigkeitsnachteile eine sehr gute Besetzung, weil er die nötige Erfahrung und Führungskompetenz mitbringt. Aber auch ohne ihn konnte mit Klostermann oder Mukiele als Drittem im Bunde überzeugt werden (bspw. gegen Bochum oder den BVB). Weiter keine Rolle spielt Halstenberg, der hier auch auflaufen könnte, es aber im LIV Duell gegen Gvardiol auch topfit sehr schwer haben dürfte.
Insgesamt ist dieser Mannschaftsteil gut besetzt, wenn mehr als zwei Kicker ausfallen, wird es aber ein wenig kritisch. Trotzdem besteht hier kein zwingender Handlungsbedarf, denn Innenverteidiger sind eher robust und weitere Kicker, die sich im Normalfall auf der Bank wiederfinden würden, trügen auch nicht zur Laune im Team bei. Mit Ihendu und Atom klopfen leise auch schon vielversprechende Junioren ein wenig an, letzterer war zuletzt auch beim Training der Ersten dabei.

Angeliño kickte schon einmal besser.
Linke Außenbahn: Der einsame Engel
Hier ist Angeliño gesetzt. Bei einem Angel des Jahre 2020 müsste man sich keine Sorgen machen, aber derzeit lässt er zu viel selten seine altbekannte Klasse aufblitzen. Seit Oktober war er in der Liga nur in einem Spiel an Toren beteiligt. Die Flanken haben eine ordentliche Streuung, da ist viel Verbesserungspotenzial bei Angeliño. Konkurrenz gibt es kaum. Halstenberg ist immer noch raus. Kicker wie Nkunku sind zu offensiv und Gvardiol brauchen wir in der Abwehr. Hier jemanden zu installieren, der dem kleinen Engel etwas Feuer macht, wäre nicht die schlechteste Idee. Konkurrenz belebt das Geschäft…

Erobert sich Mukiele die RV-Position zurück?
Rechte Außenbahn:Auf der Suche nach dem Ideal
Das Problem des Gesetzseins hat man auf dieser Position wahrlich nicht. Im Endeffekt balgen sich Mukiele, Klostermann und Henrichs um diese Platz, ohne dabei bisher wirklich konstant Argumente für ihre Unverzichtbarkeit zu liefern. Klostermann traut sich offensiv zu wenig zu, Mukiele ist da schon etwas besser und war vor seiner Corona-Erkrankung Stamm. Henrichs konnte nur gelegentlich andeuten, dass er mehr ist als der Transfer-Flop, den viele in ihm sehen, aber über 90 Minuten dem Spiel seinen Stempel aufdrücken oder auch mal konstant auf der ROV Position überzeugen, das konnte er bisher noch nicht. In der Rückrunde gilt es hier also weiter nach der idealen Besetzung zu suchen. Ich würde momentan weiter auf Mukiele setzen. Defensiv sollte es jedenfalls bei dieser Auswahl keine Probleme geben.
Diese Asymmetrie zwischen der offensiveren linken und der defensiveren rechten Außenbahn ist bis zu einem gewissen Grad natürlich gewollt bzw. Folge von Angeliños Spielstil. Trotzdem muss es hier Ziel sein, dass RBL hier weniger ausrechenbar ist.

Kampl & Co mit Problemen.
Schaltzentrale: Das Sorgenkind
Der Maschinenraum und in dieser Saison die große Schwachstelle Leipzigs. Keiner der Kandidaten konnte hier vollends überzeugen. Adams ist nicht erst seit gestern im Formtief (und kommt verletzt von der Nationalelf zurück). Kampl zu selten in Topform und (scheinbar?) über seinem Zenit. Laimer hatte mit Verletzungen zu kämpfen und Haidara war eher der Einäugige unter den Blinden, sicherlich ein guter Spieler, aber keiner der den Unterschied macht. Auf dem Papier sind das zwar vier Kicker für zwei Positionen aber keiner ragt in dieser Saison wirklich positiv heraus.
Ein bezeichnendes Beispiel für die Probleme im DM/ZM ist ein Blick auf die Whoscored Bewertung auf dieser Position: von 65 Bundesligaspielern rangieren Adams auf Nr. 41 und Kampl auf 52. Nur Rückkehrer Laimer (10) und der von Manchester umworbene Haidara (11) bewegen sich in den Sphären, die einem Topbundesligisten angemessen sind.
Kein Wunder, dass Spieler wie Grillitsch, Zakaria, Kamara oder Camara bzw. Seiwald aus Salzburg bei den Fans diskutiert werden. Wobei die Frage offen bleibt, ob sie RBL wirklich entscheidend nach vorne bringen würden. Was alle Leipziger ZMs/DMs kennzeichnet, ist die unterdurchschnittliche offensive Performance. Weder leiten sie viele Angriffe ein, noch verfügen sie über hohe Abschlussqualitäten, so dass der offensive Part fast vollständig beim OM und den Stürmern ruht. Zudem herrscht auf dieser Position eine gewisse, bislang ungewohnte Fehleranfälligkeit. Insgesamt liegt hier der Hase im Pfeffer, warum RBL defensiv und offensiv im Zentrum teilweise keine gute Figur machte (fehlende Pressingresistenz, zu viele Ballverluste, zu schlechte offensive Passquote). Eine gute Rückrunde steht und fällt m.E. (gerade gegen bessere Gegner als Wolfsburg, Mainz oder Stuttgart) mit dieser Position.

Nkunku sorgte in der Hinrunde für Furore!
Offensives Mittelfeld: Die Qual der Wahl
Eine Position für die die Aussage: die Qual der Wahl quasi erfunden wurde. Jedenfalls wenn mal alle fit sind, was diese Saison kaum der Fall war. Olmo könnte jetzt erstmals seit Olympia wieder eine Rolle spielen. Nkunku thront über allen und bringt die Fähigkeiten mit, die kaum ein anderer im Kader besitzt (Schnelligkeit + Ballbehandlung + Abschlussstärke). Szoboszlai war statistisch gesehen in der Hinrunde an den meisten Leipziger Offensivaktionen beteiligt und Forsberg kann an guten Tagen immer noch den Unterschied auf dem Feld ausmachen.
Abseits des variableren Nkunku sind alle drei aber klassische OMs mit einem klaren Zentrumsfokus. Natürlich können sie auch auf die Außen ausweichen, aber hier kommen ihre Stärken (Spieleröffnung und teilweise auch der Abschluss) nicht so gut zum Tragen. Richtige offensive FLÜGELspieler fehlen im Kader, was mit einer Fünferkette nur solange kein Problem ist, wie das von den AVs kompensiert wird.

Ist Silvas Knoten vollends geplatzt?.
Sturm: Silva im Aufwind?
Silva ist gesetzt und auch wenn er einen durchwachsenen Start hatte, so war es insgesamt deutlich besser, als was letzte Saison so im Sturm geboten wurde. Für einen Neuzugang unter Trainermissverständnis Marsch war die bisherige Ausbeute wohl OK. Wettbewerbsübergreifend 17 Torbeteiligungen sind teamintern Platz 2 hinter Nkunku. Was das Zusammenspiel mit dem Team und die Kaltschnäuzigkeit im Abschluss anbelangt, sollte er aber noch zulegen. Dass Silva noch Potenzial für Verbesserungen hat, sieht man beispielweise am xG Wert pro 90 Minuten (0,7 – Platz 16 in der Bundesliga hinter Poulsen(!) und Novoa(!!)) oder daran, dass er gemessen am erspielten xG Wert 2 Tore weniger erzielt hat, Schick und Haaland bspw. aber 4 Tore mehr als zu erwarten war.
Poulsen und Novoa stehen als Partner bereit. Optional kann aber auch Wunderwaffe Nkunku im Sturm eingesetzt werden. Gerade in Spielen in denen Leipzig deutlich mehr Ballbesitz hat, ist Nkunku eine Option. Poulsen hingegen kann Tedesco bringen, wenn kämpferische Qualitäten oder Lufthoheit gefordert sind.
Mit Novoa hat RBL ein vielversprechendes Talent in der Hinterhand, von dem man aber auch keine Wunderdinge erwarten kann. Insgesamt ist der Sturm nicht allzu üppig besetzt, da Silva aber einen Stammplatz hat und dahinter auch zwei OMs kicken könnten, ist er eigentlich noch knapp breit genug.

Novoa aus der Jugend in die Startelf.
Fazit
Der Markt im Winter und besonders im zweiten Corona-Winter ist noch immer speziell. Wenn RBL wirklich suchen würde, könnte sich schon jemand finden lassen - indes gesucht wird nicht, weil man den Kader für breit genug erachtet. Dazu kommt, dass Spieler, die eine qualitative Verbesserung versprechen würden, teuer wären oder hohe Gehaltsforderungen hätten (siehe Zakaria). Das kann man auch schön an den Summen sehen, die RBL für Haidara aufruft.
Insofern kann der Ansatz mit einer kleineren Mannschaft die Rückrunde zu bestreiten schon tragen, denn auch wenn Corona, Verletzungen und Dreifachbelastungen ihren Tribut fordern werden, so ist RBL in Anbetracht der Rückkehrer Laimer und Olmo und der Tatsache, dass Moriba und Brobbey bislang nur geringe Einsatzzeiten hatten, solide aufgestellt. So kann man auch Tedescos Aussagen beim Training deuten, als er meinte, dass man im Zentrum auch ohne Moriba viele Optionen hätte. Dennoch bleiben die 18 Feldspieler + 4 Junioren natürlich ein Risiko.
Bedenklicher als die Kaderbreite ist vielmehr die Spitze. Auf der Rechtsverteidigerposition sucht RBLeipzig schon *ewig* die Idealbesetzung und auch Links ist Angel nicht mehr so engelsgleich wie früher. Schwerer wiegt allerdings bisher die augenfällige Offensivschwäche und fehlende Pressingresistenz im Zentrum. Hier das vorhandene Personal wieder auf Bundesligatopniveau zu führen ist Tedescos Hammeraufgabe der Rückrunde.
Sorgen macht auch die nachlassende Attraktivität Leipzigs für junge Toptalente. Während es mit Gvardiol,Simakan und Novoa richtige Erfolgsgeschichten gibt, bedeuten die Leihen von Brobbey und Moriba auch ein Scheitern. Dazu kommt das drohende Verpassen der Champions League. Solche Geschichten können eine negative Signalwirkung haben und andere Bundesligisten schlafen nicht. Der BVB wird das Rennen um Adeyemi gewinnen und so nach Haaland erneut die Sahne aus Salzburg abschöpfen und auch Leverkusen macht derzeit viel richtig.
Rumpelstilzchen