Herztropfenfußball gegen den Lieblingsgegner
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Vor dem Spiel ist vor dem Spiel
Nach harter Arbeit am Dienstag in Schottland stellte sich die Frage, wer heute auf dem Feld Roses gefordert hohe Intensität auf den Platz bringen sollte. Werner, der gegen Celtic spät zum Matchwinner wurde, schaffte es wegen einem grippalen Infekt nicht in den Kader. Eine Wiederkehr von Olmo wurde aufgeschoben. Neubulle Örjan Nyland durfte dafür zum ersten Mal auf der Bank als neue Nummer 2 mit der Rückennummer 13 Platz nehmen.
Nach zwei engen kraftraubenden Spielen gegen Celtic und Mainz stellte Rose dennoch fast alle Dauerläufer auf. Durch den Wernerausfall rückte Forsberg rein und Gvardiol wechselte für Diallo auf die Bank. Gegen den Lieblingsgegner Hertha wollte Rose ohne Experimente auskommen. Bereits in der Pressekonferenz warnte er vor einer Hertha, die sich unter dem neuen Trainer Sandro Schwarz deutlich verbessert hat und mit 6 Spielen ohne Niederlage in Folge an die Pleiße kam.
Dreisatz des Spiels
Es war eine hocheffiziente erste Halbzeit und 45 weitere Minuten zum Haare raufen. Nach dem Halbzeitpfiff stand es souverän 3:0 für RB. Die beiden Innenverteidiger Diallo und Orban hatten nach Standards das Leder jeweils per Kopf und Fuß über die Linie gedrückt. Davor war Forsberg Nutznießer einer Flanke, die der Schwede fein mit dem Knie um den Berliner Keeper legte. Alles sah nach dem üblichen Spiel gegen die Hertha aus. Doch bereits nach Wiederanpfiff drückten die Berliner nach eigener Umstellung RB das Spiel auf. Schwarz setzte auf mehr Offensive und ließ sein Team plötzlich höher und mit 4 Spielern vorne angreifen. Nach zerfahrenen 15 Minuten verkürzte Lukebakio dann per Handelfmeter auf 3:1. Diallo hatte davor den Ball im Strafraum an den Arm bekommen.
Vor der Ausführung des Elfmeters wechselte Rose noch schnell drei frische Spieler ein und nahm die im Zweikampf heute schwachen Haidara und Simakan für Kampl und Henrichs raus. Für Raum spielte die restliche Zeit Halstenberg. Die neuen Spieler hatten kaum ins Spiel gefunden, da klingelt es erneut hinter Blaswich. Innerhalb von 2 Minuten kamen die Berliner somit auf ein Tor heran. Jovetic legte den Ball nach mehrfachen stümperhaften Abwehrverhalten Leipzigs am linken Pfosten ins Netz. Eigene Kontermöglichkeiten spielte RB nicht sauber aus. Es entwickelte sich ein sehr offenes Spiel das trotz Abseitstreffer von Nkunku und Pfostentreffer der Herthaner gefährlich nah am Unentschieden mit viel Glück und Kampf als Sieg über die Zeit gebracht wurde. Die zuvor in der 72. Minute eingewechselten Poulsen und Novoa konnten das Leipziger Spiel in der Endphase auch nicht verbessern.

Nach Orbans Tor hatte keiner mehr mit dem restlichen Spielverlauf gerechnet.
Neu im Bullenstall
Diallo mit einer guten ersten Hälfte und seinem ersten Tor für Leipzig, nachdem in Mainz bereits ein reguläres Tor vom schlechtem Kölner Keller gecancelt wurde. Das Handspiel vorm Elfer war unabsichtlich, aber die Schiedsrichterentscheidungen diese Saison sind nicht auf unserer Seite. Danach war bei Diallo aber der Wurm drin. Besonders im Strafraum wackelte er bei ein paar Klärungsversuchen und schwächelte in Zweikämpfen. Bis zum Ende verteidigte er dann aber noch beherzt den Leipziger Sieg und schmälerte seine durchwachsene Leistung.
Forsberg war bis zum 1:0 kaum im Spiel. Auf die Anzahl von Ballaktionen und Spielanteilen, die Werner aktuell aufbringt, kam Emil als Vertreter nicht. Mit dem kunstvollem Knietor zeigte er jedoch wieder einmal, wie wichtig er für die Mannschaft ist. Trifft kein anderer Offensiver, dann ist der alte Emil immer noch zur Stelle. Insgesamt reiht sich dieser Startelfeinsatz aber erneut in die Kategorie "Luft nach Oben" ein. In seinen Kurzeinsätzen als Einwechselspieler kann er bisher besser überzeugen. Wenn der Gegner bereits die Spritzigkeit verloren hat und RB Konter fahren kann, stechen seine schlauen Pässe und Läufe hervor. Sind die Gegner noch frisch, hat er weniger Zugang ins Spiel. Aber bei einem Spieler mit seinem Niveau reicht eben ein Knie, um zu glänzen.

Forsberg nutz die erste Chance zum 1:0.
Die drei besten Kicker aus der schönsten Stadt der Welt
Szoboszlai: Antreiber und Vorlagengeber. Er wurde mit 35,14 km/h im Anlauf nach vorne und pressen nach hinten geblitzt. 50 Prozent seiner Bodenzweikämpfe hat er für sich entschieden. Hatte zwar einige Ballverluste und Fehlpässe. Steckte aber auch in der zweiten Hälfte nicht auf und war der beste Offensivspieler, auch wenn er selbst wieder kein Tor gemacht hat. Letzte Saison trat er teilweise pomadig auf, dies kann man unter Rose nicht mehr sehen. Dominik läuft aktuell mit Duracell und hätte zudem für Silva und Nkunku fast noch das 4:2 aufgelegt, wenn seine Mitspieler so frisch wie er im Kopf wären.
Schlager: Gut, bei der Größe fallen Kopfballzweikämpfe schwer. Schlager haut sich trotzdem in jeden hohen Ball rein. Gewinnt zwar keinen, stört die Gegner dennoch sinnvoll. Am Boden läuft es deutlich besser. 67 Prozent der Gefechte unterhalb der Gürtellinie entscheidet er für sich. Wenn er den Ball am Fuß hat, prallen zwei Köpfe größere Spieler an ihm ab. Laufleistung und Einsatz stimmen immer. Xaver stemmte sich trotz eigener abbauender Frische gegen den Punktverlust. Kann wohl erst von Laimer ersetzt werden, wenn dieser gesund ist.
Orban: Steht bei drei Toren mit Werner auf Platz 2 der besten Ligaschützen von RB. Zudem war sein Tor entscheidend, da die Berliner auch wegen Orban kein Drittes mehr schießen konnten. Der Kapitän blieb, wie so oft in schwachen Spielen, der beste Verteidiger. Müsste trotzdem als Kapitän und Defensivchef mal etwas mehr auf den Tisch hauen.

Szoboszlai setzt sich in der Stammelf fest.
Luft nach oben
Nkunku: Hat aktuell die falsche Körpersprache. Er kann viel und schießt mit Können auch fast das 4:2, aber zwischen seinen Aktionen winkt er zu oft ab oder verharrt in der Rolle des einzigen Stürmers, die er unter Tedesco noch hatte. Von 494 gespielten Pässen gehen nur 17 auf ihn. Bei seinem technischen Vermögen fehlte er im Aufbau. Nkunku fremdelte aber irgendwie mit der Aufgabe des Ballverteilers.
Raum: Raum hat es nicht leicht. Tedesco wollte ihn als Schienenspieler. Rose spielt Viererkette. Dem teuren Neuzugang obliegt damit mehr Defensivarbeit. Trotz der Neuausrichtung bekommt er genügend Chancen seine gefährlichen Flanken zu schlagen. Gefahr versprühen die aber überhaupt nicht mehr. Zu viele streut er über Freund und Feind. Obwohl Laufpensum und Zweikampfqoute stimmen, muss bei den Vorlagen endlich mal der Knoten platzen.
Einwechsler: Wenn vier von fünf Einwechselspielern das Spiel optisch verschlechtern, kann das Spiel nicht auf die eigene Seite zurück geholt werden. Es zeigt sich spürbar, wie sehr verletzte und kranke Spieler fehlen. Kampl, Halstenberg, Novoa und Poulsen machen mit der Leistung von gestern keinen Druck auf die Stammelf. Bei der noch folgenden Anzahl englischer Wochen wären hilfreiche Ersatzspieler Gold wert. Für das Wort "Wertvoll" war heute aber bei allen Einwechslern sehr viel Luft nach oben. Für einen Starelfeinsatz gegen den HSV könnte es für den einen oder anderen dennoch wegen fehlender Alternativen bei der Rotation reichen.

Nkunkus 4:2 wurde leider zurückgenommen.
Kategorie: Ende gut, alles gut!
Sieg ….. 🧐 #RBLbsc pic.twitter.com/9UdaMBeW9G
— BrauseCrew Berlin (@brausecrew) October 15, 2022
Auch harte Kämpfe müssen befeiert werden.
Tweet des Spiels
Nach so einer ersten Halbzeit den Sieg am Ende zur Zitterpartie zu machen, die man mit viel Glück ins Ziel rettet, ist auch schon eine Kunstform. #RBLBSC
— RBLObserver (@RBL_Observer) October 15, 2022
Der neue Kunstlehrer heißt Blaswich.
Champagner statt Bier – die Fans
Laut offizieller Zählung war das Spiel ausverkauft. Der Berliner Block war mit 4.500 Fans angereist. In der starken ersten Halbzeit waren die Leipziger Fans durchweg tonangebend. Im Verlauf der wilden zweiten Runde hörte man immer wieder die Schmähgesänge der Herthafans, da dass Heimpublikum zwischenzeitlich am Haare raufen war. Mit dem zweiten Tor von Hertha erwachten Team und Stadion, was in dieser engen Phase entscheidend war. Gut so, dass Mannschaft und Fans auch in schwierigen Phasen zusammenstehen. Das war am Ende unter Tedesco nicht immer so....
Und seit Wiederanpfiff im Dauersingsang den Gegner beleidigen. Tolle Fankultur, diese bedingungslose Unterstützung der eigenen Mannschaft... https://t.co/DTJC0V2vh9
— RB-Fans.de (@rb_fans) October 15, 2022
130 Jahre Berliner Fanunkultur
Auch gestern gab es nichts zu holen.So sieht es aus pic.twitter.com/l7W5VCD5PX
— Remissimo (@remissimo1978) October 15, 2022
Pfeife des Spiels
Beim Elfmeter kann man streiten, wie weit ein Arm vom Körper abstehen darf. Zudem verhinderte Diallo keinen direkten Torschuss. In der Saison wurde bereits eine Strafstoß gegen die Berliner zurückgenommen, obwohl die Berührung am Arm ein Tor verhinderte. Die vergebenen gelben Karten waren gerechtfertigt. Insgesamt behielt er in dem in der zweitem Halbzeit sehr hektischen und dynamischen Spiel gut die Übersicht. Allein bei Richter hätte er auch gelb zeigen müssen, da der sich mit Simakan auf rechts ein privates Duell lieferte, dass häufig auf die Knochen des Leipzigers ging.

Aufgefallen
1) Silva trifft in der Bundesliga nur noch den Pfosten. Seit nunmehr 10 Spielen hat er seit gestern nur eine Torbeteiligung. Das ist sein schlechtester Saisonstart in der Bundesliga. In der Saison 2019/20 traf er bis zum 10. Spieltag dreimal ins Tor und legte eine Bude auf. In der Fabelsaison 20/21 überwand er 7 mal die Keeper mit einer Torvorlage. Selbst in der schweren Anfangszeit 21/22 bei RB kam er auf drei Vorlagen und zwei Treffer. Im aktuellen DFB Pokal (ein Spiel) und der laufenden Champions League Saison (vier Spiele) übersteigt er seinen Soll mit jeweils 2 Toren und 2 Vorlagen. Es wird Zeit, dass der Knoten auch in der Liga platzt.
2) Blaswich hat mit einigen guten bis sehr guten Aktionen den Sieg gerettet. Auffällig waren erneut Probleme beim Rauswischen oder Abfangen von hohen Bällen. Das sah mehrfach ungeschickt aus, obwohl das Resultat meist effektiver war als erwartet. Insgesamt vertritt er Gulacsi weiterhin gut. Die Erwartungen an ihn waren zu Saisonbeginn nicht so hoch, wie er sie aktuell ausfüllt. Mit Nyland wurde zudem ein guter Ersatzmann geholt. Hier hat sich momentan also nicht eine befürchtete Schwachstelle nach der Verletzung des Kapitäns aufgetan.

Blaswich, im Spiel gegen Hertha oft im Blickpunkt.
3) Es sollte diesmal kein hoher Sieg gegen die Hertha werden. Mit den 3 Toren und 2 Gegentoren baut RB den Direktvergleich dennoch aus. 48:14 Tore stehen jetzt zu Buche. Für Hertha war es die elfte Niederlage. Auf den dritten Punktgewinn (ein Sieg, ein Unentschieden) muss die alte Dame noch lange warten.
4) Das war ja mal ein hoher expected Goals Wert, den uns Hertha da eingeschenkt hat (2,4). Nur Frankfurt und Gladbach bei den 0:4 und 0:3 Niederlagen hatten in dieser Saison bessere Werte als die Berliner. Der eigene Wert von 3,3 spiegelt sehr gut die Effizienz im Spiel wieder. Chancen für weitere expected Goals und echte Treffer waren auch in der zweiten Halbzeit da. Leider wurde damit fahrlässig umgegangen und von den Ersatzspielern Novoa und Poulsen ging dann nur noch wenig Gefahr aus.

Timo hat besonders in der zweiten Halbzeit gefehlt.
5) Mit 114,54 km war das die beste Laufleistung der Leipziger in der bisherigen Bundesligasaison. Von den Zahlen der Unioner, die im Sieg gegen Leipzig 121,11 km gelaufen sind, ist man noch weit entfernt, aber die Leistungsfähigkeit steigert sich unter Rose deutlich. Beachtet man, dass das Pensum wöchentlich zweimal auf den Platz gebracht werden muss, hofft man aber auch, dass der kleine Kader bis zur WM durchhält.
6) In der Tabelle steigt man langsam voran. Dass es noch nicht für höherer Weihen reicht, liegt an dem engen Kuschelkurs der Liga. Erst am nächsten Spieltag könnte RB mit einem Sieg deutlich in den Plätzen steigen, da drei direkte Duelle der ersten 8 anstehen. Die Abstände nach oben sind klein. Selbst bei der bisher durchwachsenen Saisonleistung, die aktuell tendenziell nach oben zeigt, ist alles noch durch die eigene Leistung erreichbar.
Regeneration schon in der Pressekonferenz, wenn auch nur emotional
Fazit & Ausblick
Eine schwere Woche wurde siegreich überstanden. Seit der Gladbach Niederlage folgten nur noch Punktgewinne. Es waren wie gegen Hertha einige wilde Ritte zu bestehen, aber bei dem kleinem Kader und fehlender wichtiger Spieler schlägt sich die Mannschaft wacker.
Eine Baustelle bleibt in der Saison die Abwehr. Das sonstige Prunkstück schwimmt zu schnell, wenn es kurz mal haarig wird.
Es warten weitere 8 Spiele innerhalb englischer Wochen. Immerhin soll Olmo wohl bald auf die Bank zurückkehren und auch Werner sollte nicht lange ausfallen. Das kleine fitte Team muss sich da jetzt durchkämpfen, wie in der zweiten Halbzeit gegen die Berliner.
Am Dienstag wartet mit dem HSV ein starker Pokalgegner. In der Liga steht Augsburg an. Beide Gegner werden RB nicht zum Luftschnappen einladen. Auf dem Spiel gegen Augsburg liegt ein besonderer Reiz. Nach dem geklauten Auswärtssieg in Mainz muss nun endlich ein Sieg in der Fremde her, der die Aufholjagd in der Liga fortsetzt.
Kicker – Whoscored – Sofacore – RBL – Bundesliga – FotMob – understat
Statistik
RB Leipzig: Blaswich – Simakan (61. Henrichs), Orbán (C), Diallo, Raum (61. Halstenberg) – Schlager, Haidara (61. Kampl) - Szoboszlai, Nkunku, Forsberg (72. Poulsen) – Silva (72. Novoa)
Hertha BSC: Christensen – Kenny, Rogel, Kempf, Plattenhardt (C, 46. Mittelstädt) – Šunjić (46. Kanga), Tousart, Serdar (83. Selke) – Lukebakio, Jovetić, Richter (59. Ejuke)
Schiedsrichter: Harm Osmers (Hannover)
Tore: 1:0 Forsberg (25.), Raum (30.), Orban (45.), 3:1 Lukebakio (62.) HE, 3:2 Jovetić (64.)
Torschüsse: 14 / 15
Schüsse aufs Tor: 5 / 6
expected Goals: 3,3 / 2,4
Passquote: 81% / 75%
Zweikampfquote: 46% / 54%
Ballbesitz: 60% / 40%
Laufleistung: 114,5 km / 115,8 km
Sprints: 242 / 237
Fouls: 16 / 8
Ecken: 8 / 4
Abseits: 3 / 1
Gelbe Karten: Haidara (1), Kampl (3) / Kempf, Plattenhardt, Rogel
Zuschauer: 47.069 (ausverkauft)
rolei79
dann kommt man trockenen Fußes rüber bzw baut RB dann sicher eine Schnellfahrstraße für die Spieler zur direkten Anbindung der Parkplätze unter dem Stadion