Quo vadis, RBL? - Zwischen Verfolgerstatus & Suche nach eigener Identität
Kader:
Dass der Leipziger Kader qualitativ einer der besten in der ganzen Bundesliga ist, sollte aufgrund der Ansprüche klar sein. In der Tat hat der Kader 16-17 Spieler, die auf ähnlichem Niveau agieren und die man ohne Qualitätsverlust rotieren kann. Dies ist jedoch aufgrund mehrerer Faktoren nicht unproblematisch. Zum einen ist der Kader an sich recht klein. Lediglich 25 Spieler umfasst der Leipziger Kader. Abzüglich der drei Torhüter hat man somit nur 22 Spieler. Zwar scheint der Kader damit offiziell auf jeder Position doppelt besetzt zu sein, doch reicht das wirklich? Schauen wir uns die einzelnen Mannschaftsteile qualitativ und quantitativ nochmal an.
Torhüter: Das Torhütertrio aus Gulacsi, Vandevoordt und Zingerle ist qualitativ wohl oberstes Regal in der Bundesliga. Vor allem die ersten beiden treiben sich aktuell zu Höchstleistungen durch starke Performances im Training. Hier kann man unter dem Strich wirklich zufrieden sein, der Mannschaftsteil ist stark besetzt.
Verteidigung: Hier kommen wir direkt zum ersten Sorgenkind. Lediglich sieben Verteidiger stehen zur Verfügung. Der Ausfall von David Raum wog schwer, konnte aber zumindest rein auf die Defensivarbeit gesehen kompensiert werden. Offensiv merkt man diesen allerdings deutlich und umso ärgerlicher ist es, dass es keinen positionsgetreuen Ersatz gibt. Doch dies war nicht der schlimmste Ausfall. Dass auch Castello Lukeba die letzten drei Spiele verpasste, merkte man sehr deutlich. Nicht wenige Stimmen kommen mittlerweile zu dem Schluss, dass der 21-jährige Franzose mittlerweile der Spieler im Leipziger Kader ist, der dem Kader den meisten Impact bringt. Defensive Stabilität, Spieleröffnung, Aggressivität sind allesamt mit seinem Ausfall ein Stück weit weniger geworden. Zudem ist Benjamin Henrichs außer Form, El Chadaille Bitshiabu ist hochtalentiert, muss aber noch einiges an Lehrgeld bezahlen, Lukas Klostermann ist grundsolide und erledigt seinen Job, ist aber kein Spieler, der defensiv heraussticht und Lutsharel Geertruida ist erst seit wenigen Wochen da und findet sich erst Stück für Stück besser rein. Kurzum: Trotz der wenigen Gegentore in der Liga, klemmt es hinten an vielen Ecken und Enden. Was auch an der Besetzung in der Breite liegt. Hier müssen sich die Verantwortlichen durchaus einige Gedanken machen, wie das kurz- und mittelfristig besser gelöst werden kann. Positiv: Lukeba ist wohl nach der Länderspielpause wieder da, bei David Raum wird es evtl. zu den letzten Spielen im Dezember was mit einer Rückkehr in den Kader.
Mittelfeld: Dies ist wohl sowohl in der Breite als auch in der Spitze das Prunkstück im Kader. Auf der Sechs hat man mit Amadou Haidara, Arthur Vermeeren und Kevin Kampl drei fitte Optionen, die über die letzten Wochen hinweg in diversen Konstellationen miteinander spielten. Hinzu kommt Nicolas Seiwald, der nach seiner Verletzung langsam wieder reinkommt und zum Ende der Hinrunde kann man vermutlich wieder auf Xaver Schlager zurückgreifen. In den offensiven Mittelfeldpositionen wiegt natürlich der Ausfall von Xavi schwer. Zwar ist der 21-jährige Niederländer in seiner zweiten Leihsaison noch nicht auf dem Niveau der Vorsaison, dennoch hatte er immer gute und wichtige Einzelaktionen im Köcher, die seine hohe individuelle Qualität und sein Talent unterstrichen. Doch auch in seiner Abwesenheit gibt es genügend starke Spieler, die ihre Chance gerne nutzen wollen. Vor allem Antonio Nusa spielt gerade gut: starke Dribblings, gute Raumbesetzung auf den Außen, Tempo und intelligente Laufwege sind vor allem seit dem Xavi-Ausfall bei niemandem so präsent wie bei ihm. Zudem verfügt er über einen guten Abschluss, wenn er in den entscheidenden Räumen ist. Aber auch er hat noch einiges an Verbesserungspotenzial, welches man aus ihm herauskitzeln muss. Christoph Baumgartner bekommt gerade zudem ebenfalls viel Spielzeit und scheint diese insgesamt gut zu nutzen. Gegen Freiburg, St. Pauli und Glasgow mit der beste Mann auf dem Platz, in Dortmund allerdings ähnlich schwach wie die meisten anderen, gegen Gladbach wirkte er bemüht, aber glücklos. Unter dem Strich kann er aber mit seinen Stärken (gutes Passspiel, direkter Zug zum Tor und körperliche Robustheit) der Mannschaft gerade helfen. Ein absolutes Rätsel ist Eljif Elmas. Der 25-jährige nordmazedonische Nationalspieler ist bislang absolut glücklos und weiterhin bei Marco Rose hintendran. Woran das liegt, kann man nur mutmaßen. Sind es schlechte Trainingsleistungen? Kann Marco Rose mit ihm als Spielertypen nicht viel anfangen? Gibt es weiterhin Verständigungsprobleme? In den Minuten, die er bekam, konnte er zumindest immer wieder andeuten, warum er geholt wurde. Gegen St. Pauli machte er ein wirklich gutes Spiel nach Einwechslung, in Dortmund war er einer der besseren und auch gegen Celtic trieb er mit an und hatte seine Momente. Als Außenstehender bleibt es schlicht nicht nachvollziehbar, warum er quasi keine Rolle spielt. Anders bei Viggo Gebel. Der 16-jährige ist weiterhin die Hoffnung für den Leipziger Nachwuchs, angesichts des hohen Drucks und der (noch) nicht vorhandenen Notwendigkeit möchte man ihn allerdings ungerne verheizen oder verunsichern. Dies ist angesichts der zuletzt oft engen Spiele nachvollziehbar. Die wenigen Minuten gegen Sankt Pauli hätten aus Fansicht gerne trotzdem mehr sein können.
Sturm: Dass RB mit Loïs Openda und Benjamin Šeško eines der interessantesten und auch talentiertesten Sturmduos in Europa hat, ist jetzt keine allzu große Neuigkeit. Dennoch sind die beiden in ihren Leistungen sehr wechselhaft. Openda wirkt oft glücklos, Šeško fahrlässig und phasenweise nach Form suchend. An guten Tagen können die beiden ein Spiel im Alleingang ziehen. Diese Schwankungen gilt es schleunigst zu stabilisieren und die beiden konstanter werden zu lassen. Das Problem am Leipziger Sturm ist jedoch ein anderes. Der qualitative Leistungsabfall zwischen Stammspielern und Backups. Yussuf Poulsen ist ohne Frage eine Leipziger Vereinslegende. Der mittlerweile 30-jährige bringt immer wichtige Qualitäten mit aufs Feld, der technisch beste und abschlussstärkste Stürmer war er jedoch nie. Vermutlich wird er selbst wissen, dass das Niveau, welches er hier hat, das Höchste ist, was er erreichen kann. Das Niveau und Talent der beiden erstgenannten Stürmer hatte er nie und wird er auch nicht mehr erreichen. RB wäre dennoch gut beraten, ihn zu behalten. Bei André Silva stellt sich die Situation komplett anders dar. Der 29-jährige Portugiese agiert insbesondere seit seiner zweiten Saison bei RB extrem unglücklich und bringt wenig Mehrwert. Zu langsam, zu wenig clever in den Laufwegen und zu harmlos in den Abschlüssen. Leider muss man dieses Fazit ziehen. Den Vorschusslorbeeren mit 28 Toren in Frankfurt konnte er leider nie gerecht werden. Dass RB im Sturm qualitativ in der Breite nicht gut genug aufgestellt ist, merkt man daran, dass bei Silva aus mittrainieren und verkaufen wollen regelmäßige Kurzeinsätze wurden. Hier sollte RB ebenfalls nochmal nachlegen.
Trainer:
Marco Rose ist aktuell stark in der Kritik. Doch warum? Platz zwei, 21 Punkte nach zehn Spielen, erst fünf Gegentore. Das sind doch allesamt gute Werte. Zudem ist Rose weiterhin der punktetechnisch beste Leipziger Trainer in der Bundesliga und der viertbeste Leipziger Trainer aller Zeiten (hinter Zorniger, Pacult und Vogel, Interimslösungen ausgenommen). Trotz dieser starken Zahlen gibt es in der Tat einige Kritikpunkte. Schauen wir uns diese mal genauer an.
Taktik: Zunächst etwas positives: Rose ist durchaus flexibel in den Formationen. Neben dem klassischen 4-2-2-2 tendiert Rose aktuell oft und gerne zur Dreierkette. Mit zwei offensiveren Flügelverteidigern. Vor allem durch den Ausfall von David Raum und Xavi löste Rose sein Versprechen dahingehend ein und erfand sich neu. Antonio Nusa könnte – sofern die Dreierkette bleibt und er an seinen defensiven Qualitäten arbeitet – tatsächlich in dieser Saison ein gutes Backup zu Raum sein und auch nach seiner Genesung dort einspringen, wenn es mal nötig ist. Zudem änderte Marco Rose die Statik im Spielaufbau. Während vorher ein AV invers agierte und für den Spielaufbau mit einrückte (vor allem der RV, da dies dem Duo Henrichs/Simakan) zugute kam, wurde nun durch die Geertruida-Verpflichtung umgestellt. Nun erfolgt der Aufbau entweder mit einem inversen LV, oder mit einem zusätzlichen Sechser (der vorher in den Zehnerraum mit hochschob) oder durch einen Verteidiger, der aus der Abwehrkette vorstößt, um den Spielaufbau mit anzukurbeln. So zumindest die Idee.
Das Problem: Die Offensive wirkt in dieser Saison erschreckend zahnlos für Spitzenteam-Verhältnisse. Man hat oft nicht das Gefühl, dass Abläufe einstudiert, Ideen vorgegeben oder Plan B, C und D trainiert wurden. Beispiele gefällig? Gerne. Nehmen wir das letzte Spiel gegen Gladbach. Alles, was die Gladbacher tun mussten, waren drei Dinge, um das RB-Spiel komplett lahmzulegen. RB den Ball geben, Konterabsicherung und den Spielaufbau in den gefährlichen Zonen so zu stören, dass man RB zum Spiel über die Außen zwingt. Die Statistiken belegen nicht nur, dass RB bewusst wieder mehr auf Ballbesitz verzichtet, sondern auch in den Spielen mit mehr Ballbesitz, wo man das Spiel machen muss, sich wesentlich schwerer tut. Zwar hat RB mit 53% den fünftmeisten Ballbesitz der Liga, sieht man aber auf die Spiele mit viel Ballbesitz (1:0 Bochum (59%), 0:0 gegen Union (66%), St.Pauli (63%) und Gladbach (62%)) unterstreicht das die These deutlich, dass die Mannschaft arge Probleme bei der geduldigen Erarbeitung von Chancen hat und es relativiert auch die vergleichsweise hohe Ballbesitzquote. Da erscheint das 4:0 gegen Augsburg (57%) wie ein Ausreißer nach oben. Die Devise „je weniger Ballbesitz, desto besser“ sollte jedenfalls nicht die eines selbsternannten Spitzenteams sein. Dass das Angriffsspiel sehr zentral angelegt ist, zeigt vor allem die Statistik, dass man die drittwenigsten Flanken der Liga aus dem Spiel heraus schlägt. Ebenfalls unterstreichen erst 115 Torschüsse in den bisherigen zehn Ligaspielen (Platz 15 ligaweit!), wo es in dieser Saison hakt und klemmt.
Nun zur Defensive. Diese ist wie gesagt die Beste der gesamten Liga. Fünf Gegentore, die meisten gewonnenen Zweikämpfe im Ligavergleich, Sieben Spiele zu null. Drei absolute Spitzenwerte zeichnen unsere Abwehr aus. Doch auch hier gibt es einige Kritikpunkte, denn die Defensive ist bei weitem nicht so stark und sattelfest, wie die Werte es aussagen. Dies lässt sich an subjektiven und objektiven Faktoren messen. Zum einen liegt der xGa (expected goals against) – Wert bei ca. 16. Soll heißen: Wir haben in der Liga elf Gegentore weniger bekommen, als wir eigentlich hätten haben sollen. Dass unsere Abwehr bei Weitem nicht so stark ist, wie sie es scheint, zeigt sich vor allem in der Champions League, wo wir aktuell immer noch punktlos sind. Zudem sind wie gesagt vor allem in der Defensive die Verletzungssorgen im Moment groß. Umso froher kann man sein, dass Peter Gulacsi eine brutale Saison spielt. Er ist der notentechnisch beste Torhüter der Liga und hat auch die beste Paradenquote aller Stammtorhüter (87,5%). Kurzum: in der Defensive hat man in dieser Saison neben individuell guten Leistungen vor allem viel Spielglück.
Fazit:
RB Leipzig ist neben vielen positiven Ergebnissen und starken individuellen Leistungen am Scheideweg. Einerseits glänzt RB in der Bundesliga mit einigen statistischen Top-Werten, sowie mannschaftlich, als auch über Einzelleistungen. Es gibt weiterhin klare Ansätze und eine Spielidee, die erkennbar ist und nuanciert verändert wurde. Zudem kann die Mannschaft verschiedene Systeme spielen. Aber einiges macht dennoch Sorge. Unabhängig der Systeme eindimensionaler, ausrechenbarer Fußball ist aktuell das größte Problem. Hinzu kommen zahlreiche Verletzungen wichtiger Stammspieler und scheinbare Fitnessprobleme, die sich durch alle Spiele bereits in dieser frühen Saisonphase ziehen. Zudem sind viele statistische Werte eines Spitzenteams nicht würdig und unterstreichen, dass aktuell viel Matchglück vorherrscht. Es ist die Aufgabe von Marco Rose und seinem Trainerteam, mehr als aktuell aus den letzten Spielen herauszuholen. Genauso sollte es aber die Aufgabe des Managements zu sein, den Kader bei Bedarf nochmal zu vergrößern. Die aktuellen Verletzungen zeigen ganz eindeutig, wie dünn das Team besetzt ist. Es gibt einige Baustellen, die aktuell im Verein existieren und dafür eine einzige Person verantwortlich zu machen, wäre wohl falsch. Bleibt abzuwarten, was in den nächsten Wochen und Monaten passiert. Ein Rose-Rauswurf scheint aber zumindest laut Medienberichten nicht mehr völlig unausweichlich, wenn die Mannschaft so inkonstant und wankelmütig bleibt.
Der wahre Fan
Niemand ist gezwungen Kommentare abzugeben aber auch niemand sie zu lesen. Und es tut mir leid aber wenn man nur positives zu den Testspielen schreiben darf, dann würden hier gar keine Kommentare stehen und der Thread wäre "tot", weil da aktuell einfach nichts positives zu sehen ist. Edit: 2 Torschüsse in 120min sprechen schon eine deutliche Sprache.