Leipzig fliegt der Königsklasse entgegen
Max Finkgräfe
Statistiken der Bundesliga SaisonInhalt
Vor dem Spiel ist vor dem Spiel
Nicht das mögliche sportliche Geschehen bestimmte die Schlagzeilen vor der fluchtlichtgetränkten Freitagabendpartie zwischen Leipzig und Union Berlin. Stattdessen schlug ein Post der Leipziger hohe Wellen, der lediglich ein unverfängliches Zitat und Fotos der Gästetrainerin interpretierte. Diese Situation rief die üblichen Kritiker auf den Plan, die Leipzig wie so oft fehlende Werte vorwarfen, dabei jedoch selbst jede emanzipatorische Errungenschaft vermissen ließen. Nach den hasserfüllten Anfeindungen, denen Neuzugang Reitz bereits im Spiel gegen Gladbach durch die eigenen Fans ausgesetzt war, häufen sich die moralischen Tiefpunkte unter den angeblich progressiven Traditionsfans zuletzt wieder spürbar.
Als Ursache für die Häufung dieser Vorfälle lässt sich möglicherweise der jüngste sportliche Erfolg der Leipziger heranziehen. Nach dem Sieg gegen Eintracht Frankfurt am vergangenen Samstag haben die Rasenballer die Qualifikation für Europa bereits sicher. Dieser Erfolg wurde am Donnerstagabend zusätzlich versüßt. Durch den 2:1-Sieg von Stuttgart gegen Freiburg im Pokal-Halbfinale stiegen die Leipziger ohne Zutun von der Conference League in die Europa League auf. Dass die Sachsen in dieser Saison die sportlich Schwächephase von 2024/25 nicht wiederholen, scheint dem einen oder anderen Hater nun sauer aufzustoßen.
Völlig unvermittelt veröffentlichte die Sport Bild zudem einen Artikel, der die – nach 30 Spieltagen objektiv sehr gute – Arbeit von Trainer Ole Werner infrage stellte und sogar über eine Trennung zum Saisonende spekulierte. Cui bono?
Ungeachtet der Kritik von außen hat Leipzig sportlich zwar noch nicht alles unter Dach und Fach gebracht, hält aber alle Trümpfe in Bezug auf die Königsklasse selbst in der Hand. Sorgen bereiten jedoch – wie schon zum Ende der Hinrunde – das plötzliche Verletzungspech und weitere Ausfälle bei wichtigen Leistungsträgern. Besonders der komplette Ausfall der linken Abwehrseite und der kurz vor Spielbeginn einsetzende Infekt von Seiwald wiegen schwer. Dass die Vertretung ihre Sache bisher überraschend gut macht, täuscht nicht darüber hinweg, dass der Verlust dreier Top-Performer inklusive des Kapitäns eine Schwächung bedeutet. Immerhin entspannt sich die Lage auf den Außenbahnen und im Zentrum, wo Spieler wie Gruda und Schlager wieder Optionen sind.
Ob es trotz der Ausfälle in der Startelf für drei Punkte reicht, entscheidet sich auf dem Rasen und nicht in den sozialen Netzwerken. Rein tabellarisch und mit Blick auf die aktuelle Form gehen die Hausherren – ungeachtet aller Nebengeräusche und Verletzungssorgen – als klarer Favorit ins Rennen. Mit einem Sieg im Rücken könnte man am restlichen Spieltag entspannt beobachten, ob die Verfolger nicht sogar noch weiter Boden verlieren.
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— RB Leipzig (@RBLeipzig) April 24, 2026
Ohne vier Stammspieler im ersten von vier Endspielen
Dreisatz des Spiels
In der ersten Halbzeit dominierte Leipzig erschreckend schwache Unioner nach Belieben. Dass es zur Pause nur 2:0 stand, war lediglich einer Serie von Aluminiumtreffern geschuldet. Den Bann brach Finkgräfe. Nach seinem Tor zum 1:0 blickte er sichtlich erleichtert gen Himmel und genoss diesen persönlichen Glanzpunkt zum Saisonabschluss mit geschlossenen Augen. Den zweiten Treffer leitete Keeper Vandevoordt höchstpersönlich ein. Sein präziser weiter Abschlag fand Rômulo, der sich im Duell gegen die Abwehr und den Torwart behauptete und schließlich ins leere Tor einschob. Die Überlegenheit in diesen ersten 45 Minuten weckte deutliche Erinnerungen an die starke erste Hälfte gegen Hoffenheim.
Einzig Bitshiabu fiel leistungsmäßig deutlich ab. Er präsentierte den Unionern durch Fehlpässe immer wieder gefährliche Gelegenheiten, was bereits kurz vor dem Pausenpfiff beinahe bestraft worden wäre. Auch im zweiten Durchgang blieb er der Schwachpunkt im Leipziger Spiel.
Sowohl der Anschlusstreffer zum 1:3, der die Schlussphase unnötig spannend machte, als auch das Berliner Abseitstor in der Nachspielzeit resultierten aus Unsicherheiten des linken Innenverteidigers. Seine spektakuläre Grätsche vor der Ecke zum Gegentor täuschte dabei nur kurzzeitig über sein fehlerhaftes Stellungsspiel hinweg – er hätte die Situation bei entschlossenerem Handeln bereits deutlich früher klären können.
Insgesamt war es ein souveräner Auftritt der Leipziger, bei dem ein unerwarteter Verteidiger zum absoluten Leistungsträger avancierte. Einzig das Aluminiumgehäuse der Unioner verhinderte einen deutlich höheren Sieg. In Anbetracht der vielen verletzungsbedingten Ausfälle war dies das zweite Spiel in Folge, das unterstreicht, wie entschlossen das Team auch in der zweiten Reihe im Saisonendspurt um die Champions League kämpft. Die Mannschaft überzeugte dabei sowohl durch defensive Stabilität als auch durch spielerische Klasse.

Fanmarsch zum letzten Heimspiel!
1) Finkgräfe
Finkgräfe avancierte an diesem Abend zum heimlichen "Man of the Match". Nicht nur sein Führungstreffer und sein enormer Offensivdrang untermauerten seine starke Leistung. Mit einer perfekten Zweikampfquote von 100 % über die volle Distanz, einer für seine Position außergewöhnlichen Passsicherheit von 95 % und einem enormen Laufpensum von über 12 km war er weit mehr als nur ein solider Vertreter für Kapitän Raum – er war ein echter Lichtblick für die Zukunft.

Traumtorjubel
2) Bitshiabu
Im krassen Gegensatz zu Finkgräfe erlebte Bitshiabu einen rabenschwarzen Abend. Nach zuletzt zwei soliden Auftritten lieferte dieses Spiel den deutlichen Beleg dafür, weshalb er zuvor lange Zeit keine Berücksichtigung fand. Besorgniserregend waren dabei weniger Fehler unter hohem Druck, sondern vielmehr gravierende Mängel im Stellungsspiel und im Aufbau – und das oft völlig ohne gegnerisches Pressing. Mit nur zwei gewonnenen Duellen bei sechs Versuchen enttäuschte Chad auch in der direkten Verteidigung. Dass er zudem erneut eine Chance des Gegners per Kopf auflegte, unterstreicht sein anhaltendes Problem: Trotz seiner physischen Präsenz bleibt die Kopfballabwehr eine eklatante Schwäche, die er bisher nicht abstellen konnte. Mit einem sattelfesten linken Innenverteidiger hätte Union wohl nicht einmal auf den Hauch einer Torchance hoffen dürfen. Ein Verbleib über den Sommer hinaus wird so wieder unwahrscheinlicher.
3) Souveränität
Man muss weit zurückblicken, um eine derart einseitige Begegnung zwischen Leipzig und den Eisernen aus Berlin zu finden. Auch wenn das nackte Ergebnis durch die späte Phase der Partie einen knappen Spielverlauf suggerieren mag, zeichnete das Geschehen auf dem Rasen ein völlig anderes Bild. Über die gesamte Distanz war die Überlegenheit der Sachsen fast schon erdrückend. Das Spiel war ein Spiegelbild der vergangenen Wochen. Leipzig strotzte vor Selbstbewusstsein und präsentierte eine beeindruckende Variabilität im Angriffsspiel. Das Team fand gegen die tiefstehenden Berliner immer wieder kreative Lösungen und kombinierte sich flüssig durch die Reihen. Gleichzeitig bestach die Mannschaft durch eine disziplinierte Rückwärtsbewegung, bei der jeder Spieler konsequent mitarbeitete und Räume für Konter im Keim erstickte. Die Harmlosigkeit der Unioner wurde besonders in der ersten Halbzeit deutlich, in der sie nicht einen einzigen Torschuss verzeichnen konnten. Über das gesamte Spiel hinweg fand lediglich ein einziger Ball den Weg direkt auf das Leipziger Gehäuse – ein wuchtiger Kopfball nach einem Standard, der letztlich das einzige Gegentor markierte. Es war ein bitterer Moment für Vandevoordt, dem dieser eine Moment die verdiente "Weiße Weste" kostete, ansonsten jedoch blieb der Keeper aufgrund der Leipziger Dominanz nahezu beschäftigungslos und war in den wenigen brenzligen Situationen immer erster Sieger.
Bemerkenswert ist zudem, dass beide Außenverteidiger trotz ihrer offensiven Rolle Passquoten von weit über 90 % erreichten. Besonders Ridle Baku überzeugt seit Wochen mit Werten zwischen 85 % und 95 %. Gegen Berlin brachte er den Ball selbst in der gegnerischen Hälfte mit einer Präzision von 94 % zum Mitspieler. Mit insgesamt 87 % angekommenen Pässen schrammte RB so nur haarscharf an einem absoluten Spitzenwert vorbei.
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— RB Leipzig (@RBLeipzig) April 24, 2026
An der Realität vorbeigetippt
4) Alumeister
Die Anzahl der Leipziger Aluminiumtreffer in dieser Partie war derart hoch, dass man als Zuschauer kaum noch mit dem Zählen hinterherkam – je nach Auslegung der Szenen waren es zwischen drei und fünf Mal, in denen Pfosten oder Latte für die bereits geschlagenen Berliner retteten. Vor diesem Spieltag führten die gängigen Statistiken Leipzig bereits mit 16 bis 18 Aluminiumtreffern als einen der Spitzenreiter der Liga. Nach dem Auftritt gegen die Eisernen ist diese Marke nun endgültig geknackt: Mit weit über 20 dokumentierten Treffern am Torgestänge hat Leipzig in dieser Saison das "Glück am Alu" wahrlich nicht gepachtet. Zieht man allein diese Statistik als Gradmesser heran, würde man in Sphären schweben, die sonst nur der FC Bayern München an Punkten erreicht – man ist ein einsamer und uneinholbarer Tabellenführer der Pechvögel. Es bleibt jedoch die ewige Streitfrage unter Experten und Fans, ob eine solche Häufung reinem Pech zuzuschreiben ist oder ob es sich letztlich um ein minimales Unvermögen im Abschluss handelt, bei dem die letzte Präzision im Zentimeterbereich fehlt. Doch am Ende des Tages ist diese Debatte nach einem souveränen 3:1-Heimsieg ohnehin eher akademischer Natur. Auch wenn das Aluminium eine noch deutlichere Abreibung für Union Berlin verhinderte, trübt dies die Freude über die drei Punkte und die starke Leistung kaum – im Gegenteil: Es unterstreicht nur, wie viele hochkarätige Chancen sich das Team derzeit erspielt.
5) Vorlage
Besondere Momente fordern besondere Statistiken. Die letzte dem Autor bekannte Torwartvorlage im Dress der Roten Bullen datiert zurück auf den Mai 2023. Damals war es Örjan Nyland, der am dramatischen letzten Spieltag der Saison 2022/23 einen Treffer direkt vorbereitete. Es war jener Nachmittag, an dem Christopher Nkunku mit einem Doppelpack die Torjägerkanone eroberte und RB Leipzig gleichzeitig die Hoffnungen von Schalke 04 auf den Klassenerhalt endgültig zunichtemachte. Fast zwei Jahre später durfte sich nun die neue Nummer eins, Maarten Vandevoordt, in diese exklusive Liste der Vorlagengeber eintragen. Sein präziser, weiter Abschlag leitete den Treffer zum 2:0 ein und unterstrich möglicherweise seine Qualitäten in der Spieleröffnung. Dass dabei ein unbeholfener Klärungsversuch eines Berliner Verteidigers per Kopf den Ball erst richtig scharf machte, mag die Ästhetik des Zuspiels minimal trüben – an der statistischen Anerkennung und dem strategischen Wert dieser Aktion ändert das jedoch nichts. Für Vandevoordt ist es ein gelungener Nachweis, dass er nicht nur als sicherer Rückhalt, sondern auch als Impulsgeber des Leipziger Spiels fungieren kann.

Nicht nur am Boden stark
6) Tatjana Haenni und Uli Wolter im Fantreff Zwo9er vor dem Spiel
Unsere neue Geschäftsführerin Tatjana Haenni und Uli Wolter kamen vor dem Spiel im Fantreff Zwo9er an den Treppen vor dem Glockenturm auf ein Radler vorbei. Sie lernte das Team des Zwo9er kennen, das den Fantreff des Fanverbandes Leipzig e.V. ehrenamtlich betreibt. Wir meinen, der Zwo9er ist eh besser als der VIP-Bereich, gern wieder!
Uli Wolter, Thomas vom Fanverband und Tajana Haenni vor dem Spiel im Zwo9er (Bildquelle Fanverband)
7) Oliver Mintzlaff und Benjamin Ippoliti laufen für guten Zweck
Für eine außergewöhnliche Aktion sorgten am Spielfeldrand Oliver Mintzlaff und Benjamin Ippoliti. Während das Spiel lief, spulten sie Kilometer um Kilometer ab, um Spenden im Rahmen des Wings for Life World Runs zu sammeln. Unter dem Motto "Laufen für die, die nicht laufen können" wird Geld für die Rückenmarksforschung gesammelt. Der Wings for Life Wold Run findet jedes Jahr statt. Für den Lauf am 10.05. in Leipzig könnt ihr euch noch anmelden.
Starke Leistung 👏
— RB Leipzig (@RBLeipzig) April 24, 2026
Insgesamt lief Oliver #Mintzlaff während des Spiels 21,41 km.
Mehr als 100.000 Euro hat Oliver Mintzlaff an der Seite von Benjamin Ippoliti für den guten Zweck in die Spendenkasse gelaufen.
Neben den vier RBL-Geschäftsführern Tatjana Haenni, Johann Plenge,… pic.twitter.com/5pgZTERTv1
Der beste Mann neben dem Match.
Fazit und Ausblick
Mit nunmehr 62 Punkten auf dem Konto legt Leipzig die Messlatte für die Konkurrenz im Kampf um die Königsklasse enorm hoch. Während die Konkurrenz – mit Ausnahme von Hoffenheim – noch kräftezehrende Pokalschlachten in den Knochen hat, konnten die Sachsen frisch vorlegen. Für die Verfolger wird der Spieltag zur mentalen Belastungsprobe: Sie müssen am Samstag und Sonntag gegen Teams nachziehen, die im tiefsten Abstiegskampf um jeden Grashalm kämpfen und somit unangenehme Stolpersteine darstellen könnten. Die mathematische Ausgangslage spielt Leipzig dabei massiv in die Karten. Sollte der eine oder andere Kontrahent patzen, könnte bereits ein einziger weiterer Dreier die Vorentscheidung bedeuten. Ein entscheidender Faktor ist hierbei die Konstellation im Spielplan. Da die drei direkten Verfolger in den verbleibenden Wochen noch in direkten Duellen gegeneinander antreten, werden sie sich zwangsläufig gegenseitig die Punkte wegnehmen. Doch der Blick richtet sich in Leipzig längst nicht mehr nur auf die Verfolger. Bleibt das Team weiterhin so fokussiert und hält die aktuelle Spannung hoch, rückt ein ganz besonderes Ziel in greifbare Nähe: Der vereinseigene Punkterekord in der Bundesliga. Betrachtet man die beeindruckende Formkurve und die Souveränität der letzten Monate, wirkt dieses Vorhaben nicht nur realistisch, sondern wie die logische Konsequenz einer herausragenden Rückrunde. Leipzig hat es nun in der eigenen Hand, eine bereits starke Saison historisch zu veredeln.
Die PK nach dem Spiel.
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