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Zwischen Entwicklung, Umbruch und dem Versuch, den nächsten Schritt zu erzwingen

Zwischen Entwicklung, Umbruch und dem Versuch, den nächsten Schritt zu erzwingen

Die RB Leipzig Frauen haben ihre Saison auf einem enttäuschenden zehnten Platz beendet. Das Saisonziel "Top 6" wurde klar verfehlt. Im Sommer steht erneut ein Umbruch an.

Während andere Vereine nach einer durchwachsenen Spielzeit mit Platz 10 in der Bundesliga vielleicht vorsichtiger formulieren würden, spricht RB weiter über Entwicklung, Spielidee und langfristige Ambitionen Richtung Champions League. Und genau deshalb fühlt sich diese Saison so widersprüchlich an. Denn sportlich gab es viele Rückschläge. Gleichzeitig wirkt der Verein überzeugter denn je davon, dass dieser Weg irgendwann funktionieren wird. Viele knappe Spiele, zu wenig Belohnung. Die vielleicht größte Frustration aus Leipziger Sicht: RB war in dieser Saison erstaunlich oft auf Augenhöhe.

Beim 2:3 in Wolfsburg führte Leipzig zur Pause verdient gegen den Tabellenzweiten. Gegen Leverkusen erspielte sich RB mehr Abschlüsse, ging früh in Führung und verlor trotzdem 1:3. Diese Spiele standen exemplarisch für die gesamte Saison: gute Phasen, mutige Auftritte, viele Chancen. Aber am Ende häufig keine Punkte. Trainer Jonas Stephan formulierte das nach der Niederlage gegen Leverkusen ziemlich treffend: „Wir brauchen mehr Effizienz sowohl in der Defensive als auch vor dem Tor.“ Genau dort lag eines der größten Probleme. Denn die Spielidee war über weite Strecken klar erkennbar. RB will aktiv sein statt nur reagieren. Leipzig wollte Fußball spielen. Mutig anlaufen. Schnell umschalten. Aktiv mit Ball auftreten. Selbst gegen stärkere Gegner versteckte sich das Team selten. Spielerinnen wie Marleen Schimmer oder Elvira Herzog beschrieben den Leipziger Stil zuletzt sogar als einen Hauptgrund für ihre Vertragsverlängerungen. Schimmer sprach davon, dass „hier eine Idee dahinter steckt“. Herzog formulierte es noch deutlicher: „Hier wird kein Stillstand akzeptiert.“



RB verliert wichtige Spielerinnen

Diese Aussagen zeigen klar, wie RB intern auf sich selbst blickt: nicht als gewöhnlicher Bundesligist, sondern als langfristiges Entwicklungsprojekt mit klarer sportlicher Identität. Das Problem ist nur: Eine gute Idee allein reicht in der Bundesliga noch nicht. Verletzungen stoppten immer wieder den Rhythmus. Dazu kamen große personelle Probleme. Gerade die Ausfälle von Giovanna Hoffmann oder Marleen Schimmer trafen die Mannschaft spürbar. Vor allem Schimmer hatte sich eigentlich zu einer der wichtigsten Offensivspielerinnen entwickelt. Elf Tore und sechs Vorlagen in 29 Pflichtspielen unterstreichen ihren Stellenwert. Ihre Verlängerung bis 2028 war deshalb eines der wichtigsten Signale dieser Saison. Gleichzeitig schmerzt Hoffmanns Abgang umso mehr. Die Nationalspielerin, die sich im Oktober einen Kreuzbandriss zuzog, wechselt im Sommer ausgerechnet zum VfL Wolfsburg und unterschrieb dort bis 2029. Für RB ist das nicht nur sportlich bitter, sondern auch symbolisch: Eine Spielerin, die in 28 Spielen 16 Tore erzielte und das Potenzial hatte, sportlich eine zentrale Figur dieses Projekts zu werden, geht zu einem der Topclubs der Bundesliga. Hinzu kommt ein Thema, das im Umfeld immer wieder diskutiert wird: RB Leipzig verliert regelmäßig wichtige Spielerinnen ablösefrei. Nach Vanessa Fudalla im vergangenen Sommer verlässt mit Hoffmann erneut eine wichtige Offensivspielerin den Verein ohne Transfererlös. Auch der Abgang von Marlene Müller zu Leverkusen erfolgt ablösefrei. Gleichzeitig lässt sich dieses Thema aber nur bedingt mit dem Männerfußball vergleichen. Zwar steigen die Ablösesummen im Frauenfussball langsam an, insgesamt sind ablösefreie Wechsel aber weiterhin deutlich verbreiteter als im Männerbereich. 

Immerhin: Die langfristige Verlängerung von Frauenfußball-Chefin Viola Odebrecht bis 2030, die sich trotz massiven Werbens aus Wolfsburg für Leipzig entschied. Neben der großen Unterstützung unserer neuen CEO Tatjana Haenni und der Rückendeckung von Marcel Schäfer sah sie auch die Entwicklung in Leipzig noch nicht am Ende: „Inzwischen haben wir uns in der Bundesliga etabliert - aber was wir zu meinem Start im Jahr 2019 begonnen haben, ist damit noch nicht abgeschlossen.“ In unserem Podcast sprachen wir bereits Ende März mit ihr über die aktuelle Saison und künftige Pläne. 



Der (nächste) Umbruch ist im Gange

Denn trotz des zehnten Tabellenplatzes wirkt intern weiterhin niemand so, als würde man die Ziele kleiner formulieren. Der Umbruch läuft bereits. Und trotzdem verändert sich der Kader erneut deutlich. Sieben Spielerinnen verlassen den Verein:

  • Marlene Müller
  • Luca Graf
  • Giovanna Hoffmann
  • Rucy Grunenberg
  • Lina von Schrader
  • Victoria Krug
  • Kyra Spitzner

Vor allem die Abgänge von Müller und Graf markieren das Ende einer wichtigen Phase. Beide begleiteten den Weg von RB in die Bundesliga und gehörten über Jahre zu den Gesichtern des Teams. Doch auch der Abschied von Victoria Krug steht sinnbildlich für diesen Sommer. Die frühere Kapitänin spielte fünf Jahre für RB Leipzig, absolvierte über 100 Pflichtspiele und war Teil des Bundesliga-Aufstiegs. „Leipzig wird immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben“, sagte Krug zum Abschied. Genau solche Spielerinnen haben die Aufstiegsjahre dieses Teams geprägt. Doch anders als in früheren Jahren wirkt dieser Umbruch diesmal deutlich geplanter.

Die neuen Transfers verraten viel über RBs Strategie. Mit Torhüterin Aude Waldbillig und der niederländischen Nationalspielerin Alieke Tuin hat Leipzig bereits früh zwei Neuzugänge verpflichtet. RB bezeichnete Waldbillig zuletzt als eines der spannendsten Torwarttalente ihres Jahrgangs in Europa. Tuin bringt dagegen internationale Erfahrung, Champions-League-Spiele und gleichzeitig Entwicklungspotenzial mit. Auffällig ist: RB sucht nicht einfach fertige Stars. Der Verein sucht Spielerinnen, die wachsen können. Sportlich und gemeinsam mit dem Club. Auch Tuin sprach bei ihrer Vorstellung genau darüber, dass sie in Leipzig den perfekten Ort sehe, „um große Schritte zu machen“. Es passt zu einem Verein, der sich offensichtlich immer noch mitten im Aufbau sieht. 


Überraschungen der Saison

Lisa Baum: Zu den größten Überraschungen dieser Saison gehörte ohne Zweifel Lisa Baum. Die damals erst 18-Jährige kam vom Hamburger SV nach Leipzig und entwickelte sich erstaunlich schnell zu einer festen Größe im Bundesliga-Kader. Mit ihrem Tempo, ihrer Direktheit und ihrem Mut im Eins-gegen-eins brachte sie gerade in engen Spielen immer wieder Dynamik ins Leipziger Offensivspiel. Dazu kamen wichtige Tore und auffällig reife Auftritte gegen Topteams wie Wolfsburg oder Leverkusen.

Marlene Müller: Auch Marlene Müller gehörte in schwierigen Phasen immer wieder zu den konstantesten Leipzigerinnen. Gerade in engen Spielen übernahm sie Verantwortung und brachte Stabilität sowie Intensität ins Leipziger Spiel. Umso schmerzhafter dürfte ihr Abschied im Sommer sein. Nach sechs Jahren in Leipzig endet mit ihrem Wechsel nach Leverkusen eine Ära, die den Bundesliga-Aufstieg und die Entwicklung des Teams entscheidend mitgeprägt hat.

Delice Boboy: Ähnlich spannend verlief die Saison von Delice Boboy. Die junge Offensivspielerin ließ ihr enormes Potenzial immer wieder aufblitzen und gehörte offensiv phasenweise zu den auffälligsten Leipzigerinnen im Kader. Besonders ihre Dynamik im Dribbling sorgte regelmäßig für gefährliche Momente und zeigte, warum RB langfristig große Hoffnungen in sie setzt.


Spielerinnen, bei denen nächste Saison noch mehr kommen könnte

Gina Chmielinski: Bei Gina Chmielinski verlief die Saison deutlich wechselhafter. Die frühere Sassuolo-Spielerin brachte sichtbar Qualität und internationale Erfahrung mit und setzte offensiv immer wieder Akzente. Gleichzeitig gelang es ihr über längere Phasen nicht ganz, dem Leipziger Spiel dauerhaft ihren Stempel aufzudrücken.

Marleen Schimmer: Und auch bei Marleen Schimmer bleibt vor allem die Hoffnung, dass sie kommende Saison verletzungsfrei bleibt. Denn sportlich zeigte die Offensivspielerin mehrfach, wie wichtig sie für RB sein kann. Trotz ihrer langen Verletzungspause erzielte Schimmer in 14 Pflichtspielen sieben Tore und gehörte damit offensiv trotzdem zu den auffälligsten Leipzigerinnen der Saison


Fazit: Zwischen Bundesliga-Mittelfeld und großen Ambitionen

RB Leipzig wirkt aktuell wie ein Club zwischen zwei Entwicklungsstufen. Zu ambitioniert für reinen Klassenerhalt. Aber noch nicht stabil genug für die Bundesliga-Spitze. Die Infrastruktur stimmt. Die Spielidee ebenfalls. Der Verein investiert weiter und formuliert seine Ziele offensiv. Mit der ehemaligen Leipziger Pressesprecherin Silva Lone Saländer wurde nun auch eine erfahrene Personalie benannt, um die Frauen-Fußballstandorte Leipzig, Brasilien, Japan und Paris besser zu koordinieren und zu vernetzen. Gleichzeitig zeigte diese Saison aber auch ziemlich deutlich, wie schwer der nächste Schritt tatsächlich ist.

An guten Ansätzen mangelte es nicht. Konstanz dagegen deutlich häufiger. Und genau darum wird sich vermutlich alles in den kommenden Jahren drehen: Kann RB aus einem interessanten Entwicklungsprojekt irgendwann ein wirklich stabiles Topteam machen? Die Grundlagen dafür scheinen intern definitiv vorhanden zu sein. Jetzt müssen daraus nur irgendwann dauerhaft Ergebnisse entstehen. 

Vika