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RB Leipzig in der Identifikationskrise? Teil 1

RB Leipzig in der Identifikationskrise? Teil 1

Die Beziehung zwischen RB Leipzig und seinen Fans steht auf dem Prüfstand. Die Diskussion um Identifikation und Identität flammt vor allem unter langjährigen Fans immer wieder auf – und auch in unserem Team gibt es dazu unterschiedliche Sichtweisen. In Teil 1 erläutert unser Autor "Jupp", warum er bei RB Leipzig eine zunehmende Entfremdung zwischen Klub und Anhängerschaft sieht. In Teil 2 legt "tony4arsenal" dar, warum er die Entwicklung deutlich anders bewertet.

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Teil 1: Warum RB Leipzig aus Sicht von "Jupp" in einer Identifikationskrise ist

Diesen Artikel habe ich schon länger im Kopf, die Art und Weise der Entscheidung um Ole Werner und Martin Demichelis war nun der Anlass (nicht der Grund), diesen Artikel dann doch mal zu Papier zu bringen. Aus meiner Sicht befindet sich RB Leipzig in einer Identifikationskrise und ich möchte erklären, warum das aus meiner Sicht so ist.


Global Soccer vs. Entscheidungen und Präsenz vor Ort in Leipzig

Ich verfolge RB Leipzig seit dem ersten Testspiel gegen den SV Bannewitz am Gontardweg 2009 und die aktuelle Entscheidung um Ole Werner & Martín Demichelis erinnert mich an die Anfangszeiten um Entlassungen von Tino Vogel nach Aufstieg von Dietmar Beiersdorfer, den Wechsel später zu Peter Pacult und viele andere wilde Dinge um Marcus Linke usw. Es wurde in dieser Zeit immer wieder sehr deutlich, die Entscheidungen werden in Fuschl am See in Österreich am Red Bull-Stammsitz getroffen. 

Dies änderte sich erst als Dietrich Mateschitz Ralf Rangnick installierte und mit viel Macht sowie Gestaltungsspielraum ausstattete. Natürlich agierte auch ein Ralf Rangnick nicht unabhängig der Firmenzentrale von Red Bull, aber er war präsent in der Stadt, gab die Philosophie vor, übernahm auch selbst in kritischen Phase Verantwortung, wie die Übernahme des Traineramtes in der 2. Liga zeigte. An seinen Aussagen merkte man immer, er brannte für RB Leipzig, erzählte im Überschwang auch mal, dass RB Leipzig die drittmeisten Auswärtsfans in Deutschland haben wird und viele andere Dinge, die sehr gut zum Leipziger Größenwahn passten. Er brannte aber auch für die Stadt und hat in ihrem Herzen gewohnt.


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Ralf Rangnick bis heute in Leipzig geschätzt und beliebt.


Nachdem Oliver Mintzlaff den internen Machtkampf gegen Ralf Rangnick gewonnen hatte, war er der starke Mann bei RB Leipzig. Mit seiner kühleren betriebswirtschaftlichen Art sicherlich nicht so beliebt wie Rangnick, aber auch er war präsent in der Stadt, brannte und brennt für RB Leipzig. 

Nach dem Tod von Didi Mateschitz wechselte Oliver Mintzlaff in die Firmenzentrale zu Red Bull und die Statik hat sich seitdem sehr deutlich verändert. So gab es bis Anfang des Jahres keine(n) CEO in Leipzig und damit auch kein Gesicht des Vereins nach außen. Zumeist übernahm das Johann Plenge, dessen eigentliche Aufgabe das aber gar nicht war. In dieser Zeit wurde das Red Bull Global Soccer mit u.a. Jürgen Klopp, Mario Gomez, Zsolt Lőw oder Peter Krawietz immer weiter ausgebaut. Ein Marcel Schäfer war nach Max Eberl dagegen eher eine kleinere Lösung, die vor Ort gute Arbeit machen sollte, aber wohl auch steuerbar ist, wie bei der Entscheidung zu Ole Werner und Martín Demichelis deutlich wurde. Ob Marcel Schäfer wirklich so steuerbar ist, wird man sehen, wenn er denn in Leipzig auch weiterhin bleibt. 

Ob diese Verschiebung der Machtverhältnisse sportlich sinnvoll ist, wenn man Personen wie Marcel Schäfer oder auch Tatjana Haenni nach außen sichtbar schwächt und die tägliche Arbeit nun mal in Leipzig gemacht wird, sei mal dahingestellt. Für die Fanidentifikation ist das aus meiner Sicht kontraproduktiv, wenn ein Jürgen Klopp mit einem Thomas Müller grinsend Witze bei der WM in den USA macht, während in Leipzig der Baum brennt und Fans sich Sorgen machen, wie es bei RB Leipzig weiter geht und auch Erklärungen haben wollen. Überhaupt, welche Identifikation haben eigentlich Jürgen Klopp und sein Berater-Team mit dem Verein, der Stadt oder Region und wo soll die eigentlich herkommen, wenn man nicht hier lebt und die tägliche Arbeit eingebunden ist? Zur Erinnerung, in Dortmund stand er mit Pöhler-Basecap da, in Liverpool war er "The normal one". Würde ein Klopp beispielsweise wie ein Rangnick all-In gehen und selbst als Trainer in Leipzig übernehmen? Wohl kaum. So bleibt der Eindruck eher eines Unternehmensberaters, der ab und an mal einfliegt und wenn vor Ort nicht das gemacht wird, wie es sein soll, dann werden Personen ausgetauscht und Leute aus dem eigenen Umfeld eingestellt, die ja auch auf der globalen Ebene schon gut unterwegs sind. Spannend dann übrigens, was mit den ganzen Klopp-Personen passiert, wenn ein Jürgen Klopp dann wirklich mal Bundestrainer werden sollte, "noch" ist er es aber nicht. 


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Jürgen Klopp und das globale Team in Leipzig.


Für mehr Fanidentifikation ist die Installation von starken Personen vor Ort, die auch mehr Entscheidungsgewalt haben, unerlässlich, ansonsten werden Marcel Schäfer oder Tatjana Haenni aktuell nicht mehr als über den Status der Getränkefilialleitung an der Außenstelle Leipzig hinauskommen. Dafür müssten Oliver Mintzlaff und Jürgen Klopp allerdings wie Mateschitz damals eben auch Macht abgeben und Topleuten in Leipzig vertrauen. Sparen würde man sich dann auch so ein Kommunikationsdesaster wie in der Causa Werner, bei der am Ende einzig Ole Werner noch als Sieger hervorgeht. 


Meuselwitz/Grimma/Dessau vs. Touren nach Südafrika, die USA oder Brasilien

Neben starken Verantwortlichen vor Ort braucht es aber auch Präsenz in Leipzig und der Region. Watzke nannte es mal zwischen Borsigplatz und Shanghai und ein Uli Hoeneß vermochte es immer sehr gut zwischen der fannahen Person, die auch mal ein Bier mit dem Fanklub trinkt und dem Betriebswirtschaftler, der die Sponsoren der Welt beackert, zu wechseln. Es ist klar, dass dies immer ein Spagat ist, aber hier geht definitiv mehr Richtung Fannähe. Letztlich bräuchte man aber halt erstmal wieder Personen in Leipzig mit entsprechender Entscheidungsmacht, die ihre Region kennen und wissen, wie man Fannähe in Leipzig-Plagwitz, Neukieritzsch, Eilenburg oder Naumburg aufbaut. In der aktuellen Konstellation für Tatjana Haenni und Co. quasi ein Ding der Unmöglichkeit, wenn die großen Entscheider vor Ort kaum präsent sind. 


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Der brasilianische WM-Torschütze Matheus Cunha und Kevin Kampl spielten bereits auf der Glaserkuppe in Meuselwitz.


Vereinsmotto "You can do anything" komplett austauschbar

Beim Vereinsmotto "You can do anything" könnte man auch denken, dass sich dies jemand irgendwo anders in der Welt ausgedacht hat, so austauschbar ist es und so wenig Bezug zur Stadt/Region hat das. Vorteil dabei, man könnte das Vereinsmotto auch für die anderen Red Bull-Standorte direkt mitverwenden und spart so Kosten. 


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You can do anything auch auf dem Trikot.


Eigentlich ist das ziemlich einfach, mit "Einmal Leipzig, immer Leipzig" gibt es einen sehr prägenden Fangesang, den auch immer wieder Spieler singen, selbst wenn sie in der Kabine sind. Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass das ja bei der Spielerfluktuation ja mal so gar nicht passt, aber es geht ja auch darum, dass die Spieler auch nach dem Abschied RB Leipzig und die Stadt in guter Erinnerung behalten. Da hat man bei sehr vielen Topspielern, die zu Weltvereinen gegangen sind, den Eindruck, dass dies auch der Fall ist. 


Hohe Spielerfluktuation senkt Identifikation mit den Spielern

Unter Ralf Rangnick gab es nicht nur die Identifikation mit ihm als verantwortliche Person, sondern auch mit Spielern, die über Jahre RB Leipzig geprägt haben. Man denke nur an die Abschiede von Yussi, Emil, Domme oder Kevko und wie emotional das sowohl für die Spieler als auch die Fans war. Unter dem Motto gemeinsam groß werden wurden Spieler wie Yussuf Poulsen, Emil Forsberg, Willi Orbán, Kevin Kampl, Péter Gulácsi, Dominik Kaiser und einige andere zu jahrelangen Identifikationsfiguren des Vereins. Zuletzt verbleiben noch Peter Gulácsi und Willi Orbán als Spieler mit relevanter Spielzeit und neue Spieler sind nicht annähernd in diese Rollen gerutscht. Wie soll das bei dem Transfermodell letztlich auch funktionieren, bei dem viele Spieler einfach sehr schnell wechseln? Wozu beispielsweise ein Trikot von Diomande kaufen, wenn er maximal zwei Jahre da ist bzw. vielleicht sogar diesen Sommer geht und Leipzig nur als Durchgangsstation für kurze Zeit sieht? Hier kann man viele weitere Spieler nennen, so ist das letztlich bei der Transferstrategie. 


Kein Spieler aus der Region hat es aus dem Nachwuchs in die 1. Mannschaft geschafft

Identifikation schafft man auch, in dem man so eine gute Nachwuchsarbeit hat, die dann auch Spieler aus der Region in den Kader der 1. Mannschaft bringt. Man muss das nicht länger ausführen, auch im Jahr 2026 hat es selbst mit diversen Zukäufen von außerhalb der Region niemand in den Kader der 1. Mannschaft geschafft. 


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David Wagner versucht sich aktuell als Chef des Nachwuchsleistungszentrums.


Dynamische Ticketpreise und Souvenirtickets

Es ist völlig logisch, dass bei einer unterschiedlichen Nachfrage zwischen Spielen gegen Mainz oder eben den Bayern es andere Preise gibt und das ist auch bei anderen Vereinen der Fall. Seit letzter Saison passen sich Preise aber letztlich anhand der Nachfrage an. Ein Modell, was es auch bei der Fußball-WM gibt und letztlich zum Ziel hat, die maximalen Einnahmen zu erzielen. So kostet dann ein Ticket gegen die Bayern auch mal 150€ an der Mittellinie in A oder C, während es gegen Mainz um die 50€ sind. Mit dieser Preisstrategie holt man finanziell das Maximum gegen die Bayern oder anderen Toppartien raus, aber baut man so auch nachhaltig eine Fanbindung auf, wenn deutlich wird, dass es bei solchen Maßnahmen um Gewinnmaximierung geht, während es sich etliche Fans dann eben nicht mehr leisten können und die Tickets dann von Eventies oder eben Bayern-Fans gekauft werden? Klar ist, etlichen Fans oder potenziellen Fans werden die Highlights der Saison dann eben auch genommen, das Stadion ist dann zu den Highlightpartien natürlich trotzdem voll. 

Die digitalen Tickets funktionieren über die Ticket-App mittlerweile sehr gut. Warum man Fans aber nicht trotzdem die Möglichkeit gibt sich ein Ticket als Souvenir, was einem nach dem Spiel zugeschickt wird, zu bestellen, erschließt sich nicht. Gerade für besondere Spiele oder bei Tickets als Geschenk hat man als Stadionbesucher trotzdem gern eine emotionale Erinnerung. 


Fazit: Mehr regionale Nähe und Emotionen wagen

Ich merke es an mir, vor allem die oben genannten Punkte bringen einen eben nicht näher an RB Leipzig, sondern lassen mich eher zu einem Besucher werden, der sich zwar weiterhin die Spiele mit Freunden möglichst im Stadion anschaut, aber eben nicht mehr so die Extrameile für den Verein geht. So nehme ich auch die Entwicklung im Stadion wahr. Die Zuschauerzahl wurde letzte Saison ohne Europapokal zwar nicht weniger, aber der Anteil, der sich aktiv einbringt, wird immer geringer. Viele Zuschauer kommen kurz vor Anpfiff, die Stimmung wird schlechter, etliche Zuschauer gehen mittlerweile vor Abpfiff und der Großteil direkt danach. Das war in den unteren Ligen und auch in den ersten Jahren in Liga 1 noch ganz anders. Auch auswärts steigen die Zahlen seit Jahren nicht mehr signifikant. Für mich ist das eine logische Entwicklung, die am Ende hausgemacht ist. Vielleicht ist auch genau das gewollt, weil man eher internationale Märkte stärker erschließen will und auch stärker offen für ein wechselndes Publikum sein möchte, was im Idealfall höhere Umsätze im Stadion generiert. 

Jupp


Du bist anderer Meinung oder Dich interessiert auch die andere Sichtweise, dann ist hier Teil 2 für Dich:

Teil 2: Wer Red Bull kauft, bekommt Flügel