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Zwischenbericht Trainingslager - Die ersten Konturen von Demichelis’ Leipzig

Zwischenbericht Trainingslager - Die ersten Konturen von Demichelis’ Leipzig

Zwei von drei Tagen in Saalfelden zeigen erstmals, woran Martin Demichelis mit seiner Mannschaft tatsächlich arbeitet. Noch ist daraus natürlich keine fertige Spielidee geworden. Doch zwischen kurzen Pässen unter Druck, Tempogegenstößen und sofortigen Rückwegen zeichnet sich ein klarer Gedanke ab.

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Wer in Saalfelden nur auf die Aufstellungen schaut, sieht im gestrigen Trainingsspiel 4-3-3 gegen ein 4-2-3-1. Wer länger hinschaut, erkennt etwas anderes. Demichelis lässt nicht einfach zwei Mannschaften gegeneinander spielen. Er lässt Situationen entstehen: hohes Pressing, einen tiefen Block, Ballbesitz unter unmittelbarem Gegnerdruck, den schnellen Weg nach außen – und kaum ist ein Angriff beendet, beginnt die nächste Aufgabe bereits in der Gegenrichtung.

Nach drei Trainingstagen wäre es vermessen, daraus schon die endgültige Spielphilosophie des neuen Trainers abzuleiten. Demichelis muss den Kader erst kennenlernen. Er muss sehen, wer unter Druck ruhig bleibt, wer einen freien Raum früh erkennt, wer nach einem eigenen Abschluss noch die Kraft und den Kopf für den Rückweg besitzt. Gerade deshalb erzählen die gewählten Übungen mehr als ein freies Trainingsspiel. Sie bringen die Spieler gezielt in Situationen, in denen sich technische Qualität, taktisches Verständnis und Bereitschaft kaum verstecken lassen.


Erst einmal den Druck aushalten

Aber der Reihe nach. Am Montag bestand die Übung darin, dass der Ball bewusst in eine defensive Aufbausituation gespielt wurde. Mehrere Gegenspieler setzten die aufbauende Mannschaft in einem engen Raum unter Druck. Die einfache Lösung wäre ein langer Ball gewesen. Genau die war offenkundig nicht gefragt. Mit kurzen, sauberen Pässen sollte sich das Team behaupten, den Zugriff des Gegners lösen und den Moment erkennen, in dem sich die Situation vertikal oder diagonal öffnen ließ.

Der Gedanke dahinter ist klar. Die Spieler sollen das Pressing nicht nur überstehen. Die Mannschaft soll es für sich nutzen. Je mehr Gegner zum Ball schieben, desto größer wird der Raum hinter oder neben ihnen. Der Ballbesitz dient dann nicht der Beruhigung, sondern der Vorbereitung des Tempowechsels. Solange der Gegner Zugriff hat, muss die Lösung sauber bleiben. Ist seine erste Linie überspielt, soll nicht noch einmal quer verwaltet werden.

Das bedeutet nicht, dass RB künftig jeden Abstoß mit maximalem Risiko im eigenen Strafraum ausspielen wird. Ein Trainingslager ist keine dogmatische Grundsatzerklärung. Der erste Reflex soll offenbar trotzdem nicht darin bestehen, sich möglichst schnell vom Ball zu trennen. Demichelis testet, welche Spieler auch dort anspielbar bleiben, wo es eng und ungemütlich wird.

Eine weitere Spielform desselben Tages setzte an einem ähnlichen Punkt an, ohne eine konkrete Spielsituation eins zu eins nachzubauen. Gespielt wurde auf kleine Tore, von denen zunächst eines pro Seite normal und eines verkehrt herum stand. Später kamen weitere Ziele hinzu. Graue Verbindungsspieler in der Mitte unterstützten immer das Team in Ballbesitz. Ein direkter Weg nach vorne war damit nicht automatisch der beste. Die Spieler mussten den Kopf vom Ball lösen, mehrere Ziele wahrnehmen und über einen dritten Mitspieler eine neue Richtung öffnen. Für den Beobachter sah das zunächst nach einer kleinen Spielform aus. Inhaltlich ging es um eine größere Frage: Erkennt der Spieler nur den nächsten Pass – oder schon das, was dieser Pass möglich macht?



Aufgalopp zur neuen Saison.


Nach dem Durchbruch beginnt das Rennen

Am Dienstag wurde der nächste Teil der Idee fast isoliert herausgeschnitten. Drei Angreifer liefen gegen zwei Verteidiger an. Der äußere Spieler bekam den Ball vom Trainer direkt in den Lauf, die beiden Mitspieler mussten im Vollsprint das Zentrum besetzen. Für den Ballführer blieb wenig Zeit, den Ball diagonal in die Mitte zu spielen. Für die beiden Mitläufer galt dasselbe ohne Ball. Wer nur geradeaus rennt, nimmt dem Angriff eher eine Lösung, als dass er eine schafft.

Die Übung knüpfte auffällig an den Vortag an. Zunächst war trainiert worden, wie eine Mannschaft aus dem gegnerischen Druck herauskommt. Nun ging es noch einmal explizit darum, was nach diesem Durchbruch passieren soll. Der freie Raum wird nicht bestaunt. Er wird mit mehreren Spielern und höchstem Tempo angegriffen. Außen entsteht der erste Vorteil, im Zentrum soll daraus Torgefahr werden.

Das wirkt eher wie der flache, schnelle Angriff auf eine ungeordnete Abwehr als wie eine Serie hoher Flanken gegen einen bereits formierten Gegner. Der äußere Ballführer soll in Bewegung bleiben, während die zentralen Spieler unterschiedliche Wege und Höhen anbieten. Einer zieht die erste Linie, ein anderer kann für die spätere Ablage oder den ballfernen Raum kommen. Noch lässt sich aus der Übung kein festes Angriffsmuster ableiten. Die gewünschte Dynamik ist dagegen kaum zu übersehen.


Der Angriff endet nicht mit dem Abschluss

Der vielleicht wichtigste Teil begann jeweils dann, wenn man die Aktion eigentlich für beendet halten konnte. Nach Abschluss des ersten Angriffs spielte der Co-Trainer auf der gegenüberliegenden Seite sofort den nächsten Ball ein. Die Angreifer blieben in ihrer Rolle, mussten aber unmittelbar in die Gegenrichtung starten. Die Verteidiger drehten ebenfalls ab und sprinteten zurück, um nun das gegenüberliegende Tor zu verteidigen. Es gab kaum Zeit für einen Blick zurück oder einen kurzen Ärger über den vergebenen Abschluss.

Genau dieses Motiv war bereits am Montag aufgetaucht. Auch dort war die Aktion nach dem erfolgreich ausgespielten Tempogegenstoß nicht beendet: Die Angreifer mussten sofort den nächsten Angriff auf das mittlere Tor starten. Demichelis trainiert Umschaltmomente nach der eigenen Aktion mit – nicht als separate Laufeinheit, sondern als Bestandteil des Spiels.

Das ist für eine Mannschaft entscheidend, die nach einem Pressingbruch mit mehreren Spielern beschleunigen möchte. Wer viele Spieler vor den Ball bringt, kann den Gegner in wenigen Sekunden überfordern. Er kann sich mit demselben Laufweg aber auch selbst öffnen. Ob Leipzig nach Ballverlust künftig sofort aggressiv gegenpressen oder in manchen Situationen zunächst kontrolliert zurückfallen soll, ist nach drei Tagen noch offen. Sicher ist nur: Abschalten ist in diesen Übungen nicht vorgesehen.


Vier Spielsituationen statt eines freien Elf gegen Elf

Die zweite große Dienstagsübung brachte die bisherigen Bausteine auf das komplette Feld. Team Rot spielte in einem 4-1-2-3 mit Seiwald als alleiniger Sechs, Banzuzi und Elmas davor sowie Bakayoko, Rômulo und Konaté in der ersten Linie. Gelb stand im 4-2-3-1 mit Vermeeren und Ouédraogo im zentralen Mittelfeld, wobei Ouédraogo seine Rolle häufig etwas offensiver als Vermeeren interpretierte. Davor spielte Maksimovic hinter Harder, flankiert von Gomis und Gruda. Die Viererketten blieben bei beiden Teams klar erkennbar.


Visualisierung der taktischen Grundordnungen im 11-gegen-11


Entscheidend war aber nicht, welche Formation auf dem Papier gegen welche gewann. Demichelis ließ beide Mannschaften vier unterschiedliche Situationen durchlaufen. Mal begann Rot nach einem Abstoß und musste ein hoch wartendes gelbes Pressing überspielen, mal waren die Rollen vertauscht. Danach baute jeweils eine Mannschaft gegen einen tiefer stehenden Gegner auf. Der Torwart eröffnete weit vor dem eigenen Tor und blieb als zusätzliche Station in die Zirkulation eingebunden.

Damit wurden zwei grundverschiedene Probleme gestellt. Gegen hohes Pressing braucht eine Mannschaft Mut, klare Abstände und den richtigen Moment, um hinter die erste Linie zu gelangen. Gegen einen tiefen Block fehlt dieser Raum zunächst. Dann müssen der Gegner bewegt, Passwege geöffnet und Seiten gewechselt werden. Auch beim eigenen Anlaufen ging es nicht allein um Intensität: Der erste Lauf hat nur dann Wert, wenn die Spieler dahinter gemeinsam die nächsten Wege schließen. Demichelis ließ also nicht nur eine bevorzugte Lösung wiederholen. Er wollte sehen, wie beide Teams auf unterschiedliche Spielzustände reagieren.


4-3-3 oder 4-2-3-1? Noch ist das die falsche Hauptfrage

Natürlich sind die beiden Grundordnungen interessant. Rot arbeitete mit einer alleinigen Sechs und zwei Achtern, Gelb mit einer (offensiven) Doppelsechs und einem klaren Zehner. Auch die Flügel verhielten sich in einzelnen Phasen nicht spiegelgleich. Gruda hielt rechts konsequenter die Breite (wie auch Bakayoko in Team Rot), während Gomis links häufiger im Halbraum auftauchte. Daraus lässt sich eine mögliche Flexibilität der Rollen ablesen. Für die Behauptung einer schon feststehenden asymmetrischen Grundstruktur reicht es noch nicht.

Viel aussagekräftiger ist derzeit, dass beide Formationen dieselben Aufgaben lösen mussten. Demichelis scheint seine Idee nicht an einer einzigen Zahlenfolge festzumachen. Er prüft, wie sich unterschiedliche Mittelfeldstaffelungen unter Druck verhalten, wie sie einen tiefen Gegner bewegen und wie schnell sie nach einem Ballverlust wieder gemeinsam handeln können.

Für die Spieler wird das Trainingslager damit auch zu einem Test, wer diese Art Fußball bereits versteht. Ein sauberer erster Kontakt reicht nicht, wenn der Kopf erst danach nach der nächsten Lösung sucht. Tempo reicht nicht, wenn die Laufwege der Mitspieler nicht gelesen werden. Und ein gelungener Angriff reicht nicht, wenn der Spieler nach dem Abschluss aus der Szene fällt. Demichelis lernt den Kader nicht nur in Gesprächen und Testspielen kennen. Er stellt Fragen, auf die die Spieler mit ihren Entscheidungen auf dem Trainingsplatz antworten müssen.


Nur die Harten kommen in den Garten...

Nur die Harten kommen in den Garten...


Kontrolle soll die Vertikalität erst möglich machen

Nach zwei Tagen lässt sich noch nicht sagen, wie RB Leipzig im Herbst in jeder Spielphase aussehen wird. Dafür fehlen weiterhin wichtige Antworten: Welche Rolle erhalten die Außenverteidiger dauerhaft? Wie hoch presst die Mannschaft in einem normalen Spiel? Wie wird der Strafraum gegen einen tiefen Block besetzt? Wie konsequent bleibt der Torwart Teil des Aufbaus? Und welche der bislang getesteten Mittelfeldordnungen setzt sich häufiger durch?

Trotzdem wäre es inzwischen zu wenig, lediglich von intensiven Einheiten und guter Trainingsarbeit zu sprechen. Ein roter Faden ist sichtbar. Demichelis scheint Ballkontrolle und die Leipziger Lust auf Vertikalität nicht gegeneinander auszuspielen. Der Ball soll zunächst helfen, den Gegner zu bewegen und seinen Zugriff zu brechen. Erst dann wird das Tempo zum eigentlichen Angriffsmittel.

Die Leitidee der ersten Tage lautet deshalb nicht Ballbesitz oder Umschalten. Sie lautet Ballbesitz, um umschalten zu können. Unter Druck sauber bleiben, nach dem Durchbruch gemeinsam beschleunigen und bei Ende der Aktion sofort wieder handlungsfähig sein. Oder, auf die bisher sichtbarste Formel gebracht: erst lösen, dann los – und noch bevor der Angriff wirklich vorbei ist, gedanklich schon zurück.