U23 TRAINER TINO VOGEL IM INTERVIEW – TEIL 2

Leipzig - (30.10.2015) Vor einigen Tagen trafen wir uns mit Tino Vogel zu einem ausführlichen Interview über die aktuelle Stimmung im Team, die Spielanlage und vieles mehr. Der dienstälteste Rasenballer stand uns Rede und Antwort. Heute: Teil 2.


Vor einigen Tagen trafen wir uns mit Tino Vogel zum Interview. Der dienstälteste Trainer unserer Rasenballer stand uns Rede und Antwort zur aktuellen Lage bei der U23, den Entwicklungen der Mannschaft seit der Amtsübernahme durch Rangnick, Schrof und Co. und vielen anderen Dingen. Heute der zweite Teil des Interviews mit unserem U23 Cheftrainer.
Mit zwei verschiedenen RBL-Teams aus der Oberliga aufgestiegen, welcher Aufstieg hat ihnen mehr Spaß gemacht, welcher war die größere Herausforderung?
Die größte Herausforderung war das erste Jahr. Es war alles neu, wir hatten den Druck – die klare Erwartungshaltung war damals, dass wir aufsteigen.
Sie sind länger dabei als jeder andere, was waren ihre Highlights der ersten sechs Jahre RB Leipzig?
Die schwierigste Zeit ist jetzt gerade. Dass wir nur mit 8 Punkten dastehen würden, hätten wir auch nicht gerade gedacht. Auch wenn uns klar war, dass die Regionalliga mit dieser jungen Mannschaft eine richtige Herausforderung ist. Wir bereiten die Jungs wirklich gut vor, wie auch zuletzt gegen Babelsberg, deren Spielweise uns sehr entgegenkam. Und am Ende braucht Benni Bellot quasi keinen Ball halten und greift dann doch hinter sich. Momentan strotzt natürlich niemand vor Selbstbewusstsein, wobei man natürlich sagen muss, dass der Zwickau-Sieg der Mannschaft schon wieder ein wenig Sicherheit und das Vertrauen in ihre Fähigkeiten zurückgebracht hat.
Die schönen Zeiten waren immer die Trainingslager mit meinen Teams, zuletzt immer in Bad Blankenburg.
Auch wenn das Teambuilding nicht immer leicht war, weil wir zuletzt 8 U19 Spieler dabei hatten, während Spieler wie Reddemann oder Rabiega bei der Ersten waren. Die Trainingslager machen auf jeden Fall richtig Spaß, die Mannschaft findet sich dort und schweißt sich zusammen und die Jungs halten sich sogar immer an die Ruhezeiten (lacht).
Wie haben Sie als Trainer die Entwicklung der Fanszene wahrgenommen?
Die Entwicklung ist unglaublich - wenn 40.000 Leute in das Stadion strömen und du zusehen kannst, wie viele dazukommen, dann macht mich das auch stolz, ein Teil dieser Geschichte von Beginn an zu sein.
Der Rahmen der Philosophie ist vorgeben. Wieviel Raum bleibt da für eine eigene Interpretation?
Da haben wir viel Raum.
Wir versuchen attraktiv zu spielen und hoch zu verteidigen, das ist unsere generelle Philosophie bei RB Leipzig. Aber es wir dem Trainer überlassen, wie er genau aufstellt, was schlussendlich auch vom Kader des Spieltags abhängt.
Die erste Mannschaft spielt momentan eine Art 4-2-3-1 die U23 eher ein 2 Stürmersystem. Warum die Unterschiede?
Eben genau da sind die kleinen Unterschiede. Ein Massimo Bruno stellt einen super Zehner da, dann hast du mit Poulsen, Forsberg, Sabitzer eine super Reihe hinter den Stürmern. Das ist bei uns anders. Joshua Endres oder Vincent Rabiega sind keine Stürmer, die von außen nach innen ziehen, da sie keine so hohe Grundschnelligkeit haben, aber sie sind im 16er gefährlich und haben dort eine gute Durchschlagskraft.
Gibt es noch die gemeinsamen Trainerseminare?
Ja, die gibt es. Es ist zwar nicht mehr so, dass sich da die Trainer aus Deutschland und Österreich treffen, aber wir Trainer aus dem Nachwuchs treffen uns einmal die Woche und werten aus, sprechen über die Spiele und tauschen uns untereinander aus.
Wie hat sich die Philosophie seit Rangnicks Antritt bis heute weiterentwickelt?
Ich finde das kann man gut erkennen. Vor zwei Jahren wurden viele hohe Bälle gespielt, nun spielen wir vor allem flach. Das macht das Spiel natürlich auch attraktiver, wenn nicht nur nach dem langen Ball auf die zweiten Bälle gepresst wird. Flach lässt sich der Ball besser verarbeiten, du hast mehr Tempo im Spiel. Da die Tore 8 bis 13 Sekunden nach Balleroberung fallen, müssen wir auch die flachen Bälle noch schnörkelloser spielen. Schnell und vertikal, auch wenn sich da schon viele Mannschaften drauf eingestellt haben und wir auch mal horizontal verlagern müssen, wenn die Gegner es im Zentrum extrem eng machen. Wir wollen eine kurze, schnelle Spielverlagerung, um den Gegner wieder vor ein neues Problem zu stellen. Natürlich bleibt der Fokus auf dem Gegenpressing, aber das ist auch sehr anstrengend. Auch als es zu Beginn der Saison so extrem warm war, hat das natürlich viel Kraft gekostet. Deshalb spielt man auch schon mal mehr und länger den Ballbesitz aus, um sich zu erholen, was wiederum schwer ist, wenn man in Rückstand ist. Das waren wir in dieser Saison leider zu häufig.
Die schwierige Außenverteidigerposition. Wie erklärt sich die hohe Fluktuation auf der rechten Verteidigerseite?
Auf der rechten Seite war schon Ken Gipson eingeplant, um ihn hier nun an den Männerfußball und die Philosophie zu gewöhnen. Dann musste er im ersten Spiel verletzt vom Platz, das war natürlich bitter für alle Beteiligten. In der zweiten Hälfte gegen Neugersdorf hat er das dann wieder richtig stark gemacht, dadurch gewinnt er auch erneut an Selbstvertrauen.
Unsere Außenverteidiger stehen ja sehr hoch und sollen oft auch über die Halbspur Bälle spielen, möglichst flach, um die Stürmer und Mittelfeldspieler zu füttern. Die Jungs müssen da extrem viel laufen und müssen topfit sein, denn sie haben eine enorme Laufleistung zu absolvieren.
Fanfrage (RBLObserver via Twitter): Welche Lehren zieht die U23 aus Probleme der ersten Männermannschaft unter Zorniger, Beierlorzer und Rangnick? Hat dies Einfluss oder orientiert man sich nur am Ausbildungskonzept der U-Mannschaften?
Helmut Groß, unser Fußballphilosoph, analysiert genauso unsere Spiele, wie die der ersten Mannschaft und bringt sich da überragend ein. Er gibt Ratschläge, die uns auch sehr weiterhelfen. Das ist unter dem Gesichtspunkt Fußballverstand das Beste, was ich je erlebt habe. Wir sind also alle im Austausch.
DFB Trainer Engel bemängelte einst die relativ einseitige Ausbildung der RBL Talente im Hinblick auf Pressing und Schnelligkeit, wie sehen Sie das?
Grundsätzlich orientieren wir uns am Weltfußball, das fließt in die Ausbildung mit ein. Bayern München ist eine Mannschaft, die extrem viel im Ballbesitz spielt, aber seit Guardiola spielen auch sie aggressives Gegenpressing nach Ballverlust. Das war bei Heynckes noch anders. Das spielen wir schon länger so und wir müssen sehen, dass wir das Optimum herausholen, denn auch andere Mannschaften passen sich mittlerweile diesem Spiel aus Gegenpressing und Umschalten an. Im Gegenzug versuchen wir dafür, die Passqualität und das Passverhalten zu verbessern, wenn auch nicht in den Dimensionen wie vom deutschen Meister, denn wir wollen möglichst innerhalb der 8 Sekunden zum Abschluss kommen.
Jens Härtel sagte zuletzt, dass der Druck bei RBL immens ist, ja fast schon ungesund wäre, wie nehmen Sie dies gerade im Hinblick auf die Entwicklung in den letzten Jahren wahr?
Ich glaube nicht, dass der Jens jetzt in Magdeburg weniger Druck hätte, wenn er jetzt nur auf fünf Punkte käme. Ralf ist ja auch beim Training oder bei Spielen dabei und sieht, wir können nur unser Bestes geben und das wird auch so im Team wahrgenommen. Wenn Ralf oder unser Nachwuchsleiter das Gefühl hätte, dass es so nicht reicht, dann wäre ich wohl auch nicht mehr hier.
Wer könnte den Sprung schaffen?
Mit Fridolin Wagner haben wir einen Spieler, der gewaltiges Potenzial hat, auch wenn er aktuell kein Nationalspieler ist. Ob es dann für die Bundesliga reicht, wird sich noch zeigen müssen. Wenn man aber sieht, was da für Spieler nächste Saison aus der U19 kommen, wie zum Beispiel Gino Fechner, dann sind das schon Kaliber, die mal 1. Bundesliga spielen können. Es ist natürlich nicht einfach, wenn du besser sein musst als die Spieler auf deiner Position in der ersten Mannschaft, aber das ist schließlich überall so.
Sechs Jahre RB Leipzig, fünf davon praktisch im Nachwuchsbereich, sehnt man sich da manchmal wieder nach einer „Ersten Mannschaft“? Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
Meine Mannschaft geht gut mit der Situation um. Es ziehen alle an einem Strang, es gibt kein Hadern im Team. Das ist der Grund, warum mir mein Job hier trotz der momentan schwierigen Situation auch weiterhin richtig viel Spaß macht.
Vielen Dank für das Interview Herr Vogel – viel Erfolg in den nächsten Wochen, Monaten und, hoffentlich, auch Jahren!
crank & Rumpelstilzchen
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