ERWARTUNGSHALTUNGEN – RB LEIPZIG ZWISCHEN KRISE UND NORMALITÄT

Leipzig - (25.03.2017) "Sag mir wo du stehst und welchen Weg du gehst." Wir müssen jetzt nicht agitieren, aber lieber RBL: "Zurück oder vorwärts, du musst dich entschließen." Ein Versuch die Leipziger Lage zu Beginn des Jahres zu analysieren.


Eigentlich ist Fußball doch Mist. Da spielt deine Mannschaft eine gute erste Hälfte, steht stabil, erarbeitet sich Chancen und lässt quasi nichts zu. Das Team macht alles richtig und trotzdem führen die Anderen. So geschehen am letzten Wochenende in Bremen. Der einzig wahre Rasenballsport fand nicht wieder in die Spur, wie schon das gesamte Frühjahr, verlor verdient und man weiß nicht: Wo stehen wir gerade? Ein Versuch die Lage zu analysieren.
Verlustängste
Es ist paradox. Hätte die Mannschaft um Ralph Hasenhüttl nicht so eine überragende Hinrunde gespielt, sondern einen Punkteschnitt wie seit dem Jahreswechsel, dann wäre man irgendwo um Platz 7. Als Anhänger könnte man von der Europa League träumen, wenn alles gut ginge. Auf jeden Fall hätte man nichts mit dem Abstieg zu tun und vermutlich wären alle, die es mit RB Leipzig halten, zufrieden.
Stattdessen steht man nun auf Platz 2. Und quer durch die Gesichter der Fans gibt es Sorgenfalten. Die Champions League schien eigentlich schon fest gebucht, hatte man doch einen komfortablen Vorsprung und nun droht Platz 4, vielleicht sogar Platz 5, also nur Europa League. Mit 7 Punkten aus den letzten 7 Spielen dürften die Zweifel sich noch ins Ziel zu retten auch nicht kleiner werden. Und so droht der Verlust, der fast sicher geglaubten Qualifikation zur Königsklasse.
Die Wahrheit ist wohl, hätte man in der Hinrunde mehr verloren, dann gäbe es heute weniger Sorgenfalten. Man würde auf die Europa League hoffen, statt sie als Trostpreis zu sehen.
Krise
Nach der mäßigen Punkteausbeute der letzten Spiele steht für viele fest: Krise. Gern genommen wird die Ergebniskrise, aber diese wird der Situation nicht gerecht. Es sind nicht nur die Ergebnisse, die nicht passen. Die Niederlagen gingen alle in Ordnung. Gegen Dortmund und Wolfsburg verlor man gegen bessere Mannschaften, gegen Hamburg und Bremen scheiterte man am Spielverlauf. Es ist nicht so, dass die Leipziger das bessere Team waren und verloren. Vielmehr scheint das, was die Philosophie der Mannschaft ausmacht, in der Krise.
Dabei begann 2017 unabhängig vom Ergebnis durchaus gut. Nach dem Sieg gegen zehn Frankfurter spielte RB Leipzig gegen Hoffenheim ein Spiel auf hohem Niveau. Gerade die ersten Minuten waren bezüglich der Zweikampfführung und Zweikampfintelligenz großartig. Ein Spiel bei dem man sich lange auf Augenhöhe begegnete bis Wagners rote Karte endgültig RB Leipzig auf die Siegerstraße brachte.
Dann der Bruch. Vor dem wichtigen Spiel gegen Dortmund hagelte es Ausfallmeldungen. Die Grippe, mal wieder. Wie schon im Jahr davor überfiel die Leipziger die Krankheit vor einem Duell gegen einen direkten Konkurrenten. Überraschenderweise schlug sich das Team ganz gut, auch wenn es gegen Ende des Spieles viel Glück hatte, als die Dortmunder ihre Konterchancen kläglich vergaben. Es folgte das Spiel gegen den HSV und zwei Gegentore durch eine Ecke. Standardtore bleiben ärgerlich, denn sie sollten zu verteidigen sein. Sei es drum, denn an dem Tag passte es nicht so recht bei den Jungs von Ralph Hasenhüttl. Eine Startelf ohne Poulsen, frühe taktischer Wechsel und die Verletzung von „Danish Dynamite“. Ab diesem Zeitpunkt versuchte man eine neue stabile Formation zu finden, mit Sabitzer auf der Poulsenposition, mit Dominik Kaiser auf der Halbraum-Zehn oder Dreierkette/Viererkette. Dazu kamen die Sperren von Keita, Orban, Ilsanker.
Es wurde eine Zeit der Veränderung und der Suche nach einem Gerüst, das so vielversprechend funktioniert wie das 4-2-2-2 aus der Hinrunde.
Hasenhüttls Werk
Die Hinrunde wirkte ein wenig so als hätte der Trainer die Mannschaft kurz angestupst und alles kam ins Rollen. Selbst als sich ein Rechtsverteidiger nach dem anderen verletzte, der Ersatz spielte gut auf oder fiel zumindest nicht ab. Selten schien die Trainerarbeit so einfach wie im Herbst 2016 bei RB Leipzig.
Seit dem Spiel in Dortmund hat sich das geändert. Immer wieder neue Baustellen taten sich für den Trainer auf. Wie fängt man den Ausfall von Yussuf Poulsen auf? Welche Spieler bringt man von der Bank. Wie reagiert man auf die plötzlich aufkommende defensive Schwäche. Eine durchaus spannende Phase in der Hasenhüttl mehrere Optionen und Formationen ausprobierte. 4-2-2-2 mit Sabitzer und Werner in der Spitze, 4-3-3 mit Forsberg, Werner und Sabitzer als Stürmer und zuletzt mit einem 3-4-1-2. Immer wieder funktionierte es ganz gut, aber schien nie so ausbalanciert wie in der Hinrunde. Das 4-3-3 funktionierte gut gegen Köln bis diese durch Umstellung und Ausnutzung der gesamten Breite die Leipziger immer wieder Probleme bereitete. Hasenhüttl stellte auf Fünferkette um und die Mannschaft stabilisierte sich. Nachdem auch gegen Augsburg das 4-3-3 nicht richtig die gewünschte Balance brachte, spielte Leipzig zuhause gegen Wolfsburg wieder im 4-2-2-2, mit dem bekannten Ergebnis. Gegen Werder funktionierte das neu gewählte 3-4-1-2 besonders in der 1. Halbzeit äußerst stabil. Nicht nur, dass man dabei wenig zuließ, das Team erspielte sich durchaus gute Chancen. Ärgerlich, dass ausgerechnet ein Sonntagsschuss von Junuzovic für einen Halbzeitrückstand sorgte. Noch ärgerlicher, dass die Mannschaft in der zweiten Halbzeit nicht wieder ins Spiel fand und damit den Trainer wieder vor neue Probleme stellt. Damit gut möglich, dass Hasenhüttl weiter nach eine Formation sucht, die ausbalanciert und stabil ist. Der nächste Akt der Suche dann gegen Darmstadt.
Die kleinen Unterschiede
Wir erinnern uns zurück an das Spiel in Leverkusen. Trotz zweimaligen Rückstandes und einem Elfmeter gegen uns konnte RBL gewinnen. Das man trotzdem dran blieb und den Ausgleich schaffte war schon verrückt. Besonders in Erinnerung blieb mir die Szene aus der 81. Min. RB Leipzig bekommt eine Ecke zugesprochen, Leverkusen klärt den Ball und sowohl Kampl als auch Demme versuchen das Spielgerät unter Kontrolle bringen. Gelänge es Kampl, stünden die Rasenballsportler in Unterzahl einem Leverkusener Konter gegenüber. Der Ball springt zwischen den beiden Duellanten auf, halbhoch, beide Spieler heben das Bein und Demme kommt einen Bruchteil eher ans Leder. Diese Balleroberung trifft genau in die Offensivbewegung der Leverkusener. Der Ball wird zurück in den Strafraum der Hausherren geflankt und Orban köpft zum 3:2-Auswärtssieg. In Anbetracht der beschriebenen Szene hätte das Spiel auch mit einer 3:2-Niederlage enden können.
Es sind eben solche Szenen, die den Unterschied zwischen gut und herausragend machen. Zwischen einem Punkteschnitt 2016 von 2,25 zu 2017 mit 1,44. Die Arbeit gegen den Ball, wie eben von Diego Demme gegen Leverkusen, ist einer der Eckpfeiler der Spielstrategie, bei dem es aktuell hakt. Wirkte RB Leipzig (gerade in den ersten Minuten) im Rückspiel gegen Hoffenheim noch sehr zweikampfintelligent, zeigten die Mannen von Ralph Hasenhüttl in den darauffolgenden Spielen immer weniger funktionierende Automatismen des kollektive Balljagens. Natürlich auch, weil sich stetig die Formation und die eingesetzten Spieler veränderten. Die Folge des nicht mehr so herausragenden Spieles gegen den Ball konnte man besonders in der ersten Halbzeit gegen Wolfsburg sehen. Schnelle Passfolgen, gute Bewegungen aus dem Zweikampf und unsere Jungs standen nur noch in der Defensive. Die spannende Aufgabe für Ralph Hasenhüttl ist es also nicht nur eine stabile und ausbalancierte Formation zu finden, sondern auch dieser eben die Automatismen einzupflanzen, die das Team so erfolgreich machen.
Selbstvertrauen
Bis das wieder der Fall ist, wird die Mannschaft nicht mit dem Selbstvertrauen auftreten können, wie man es nach mehreren guten Spielen hat. Gut zu sehen an Marcel Sabitzer, der ist sich für keinen 25 Meter-Schuss zu schade, aber gegen Wolfsburg einen Ball aus toller Position erstmal stoppt, zur Seite legt und geblockt wird bevor er schießen kann. Auch die schönen Ballzirkulationen zwischen Forsberg, Keita und Halstenberg die mit einem Selbstverständnis klar machten, dass man das Mittelfeld kontrolliert und jeder Zeit in der Lage ist das Tempo anzuziehen und zu überraschen durch ein Dribbling, Schnittstellenpass oder Seitenverlagerung. Der Spielwitz, der nach Helmut Groß den Tempobeschleuniger und damit den Unterschied ausmachen kann, ging verloren. Es reicht schon, wenn der erste oder zweite Kurzpass nicht sauber gespielt wird, der Passempfänger den Ball nicht sauber kontrollieren kann, den Ball aber wieder weiterleitet und sich so die Ungenauigkeit bis zum Fehlpass aufsummiert.
Die Herausforderungen
Es bleiben im Kern zwei Herausforderungen für die Verantwortlichen bei RB Leipzig. Hasenhüttl muss versuchen wieder ein stabiles Gerüst zu finden. Kurzfristig also einen Kader und Formation, der sowohl auf Spiele vorbereitet ist, in denen vornehmlich gestalterische Qualitäten gefragt sind, also auch für Spiele mit vornehmlich reaktivem Anteil. Mittelfristig wird es wohl neben dem gut einstudierten 4-2-2-2 auch noch weitere gut verinnerlichte Systeme auf den Platz bringen müssen. Die Umstellung in der zweiten Hälfte gegen Köln, als das 4-3-3 in der Breite anfällig wurde und Khedira kam, Ilsanker in eine neue Fünferkette rutschte und das eigene Gerüst wieder stabiler wurde, zeigt wie wichtig dies auch in Zukunft sein wird.
Die zweite Herausforderung ist ein Versäumnis seit Saisonbeginn: Die Kaderbreite. Das gleich mehrere Rechtsverteidiger ausfallen, war Pech, das kann man nicht planen. Trotzdem blieb die Mannschaft unter dem Schnitt der Verletzungen im Vergleich zur gesamten Bundesliga. Trotzdem schien Hasenhüttl immer wieder kaum Optionen zu haben. Mit Burke und Upamecano hat man Zukunftsversprechen, aber keine Spieler die in so einer Phase der Veränderung besonders hilfreich scheinen. Dominik Kaiser, der sich so um den Verein verdient machte, scheint zumindest für den Moment an seine Grenzen gekommen und warum Bernardo keine Option mehr ist, weiß wohl nur Hasenhüttl. Dann wäre da noch Davie Selke. Es ist schwer sich vorzustellen, was in ihm vorgehen muss. Selke ist in allen seinen Spielanlagen ein klasse Stürmer und doch hapert es. Was sehr schade ist, denn gerade in dieser Phase, wo mit Poulsen ein offensiver Kernspieler ausfällt, hätte er sich unverzichtbar machen können, tat er aber nicht. Er entschied sich in vielen Szenen falsch, agierte zu hektisch und vergab gute Chancen. Ärgerlich, weil es wie eine geistige Blockade wirkt, denn Selke bleibt weiterhin hochveranlagt. Am Ende bleibt es eine Sache des Trainerstabes zusammen mit einem Spieler Täler zu überwinden und wieder Leistung auf den Platz zu bringen. Das gelang nicht. Und damit ist auch Davie Selke keine richtige Verstärkung mehr von der Bank. Bliebe noch Khedira, der gegen Dortmund und Köln seine guten Auftritte hatte, aber das Problem hat, dass gerade seine Stammposition im defensiven Mittelfeld qualitativ überbesetzt ist. Sicherlich eine Option um ein Ergebnis abzusichern, wenn das mal wieder nötig werden sollte.
Spätestens, wenn man nächste Saison neben der Bundesliga noch international spielen sollte, muss der Kader breiter sein und mehr Systeme und Automatismen verinnerlicht werden. Das dürfte angesichts der wachsenden Erwartungen und dem gewünschten Spielerprofil eine große Herausforderung sein.
Fazit
Je nach eigenem Panikwunsch braucht man nur die Formtabellen zu lesen. Nehme man die Tabelle seit dem Spiel in Dortmund, dann hieße es Abstiegskampf. Wären es die letzten 5 Spiele, dann stünde man im sicheren Mittelfeld. Bezieht man sich auf nur auf 2017, wäre man noch Europa-League-Anwärter. Dieser kleine Ausschnitt heißt also erstmal nichts. Die Wahrheit ist: Es ist eine Zeit der Veränderung in der sowohl Trainer als auch Spieler vieles versuchen (müssen), um wieder näher an die Hinrundenform zu kommen. Es ist aber auch zeitgleich ein Schritt wieder zurück zur Normalität. Eine Niederlage in Dortmund ist durchaus normal, eine Niederlage gegen individuell bessere Wolfsburger auch. Dass man nun auch noch gegen Formstarke Bremer (13 Punkte aus den letzten 5 Spielen) nach einer guten Halbzeit verliert und gegen Hamburg zwei unnötige Tore nach Ecken kassiert, ist ärgerlich, aber auch nicht komplett aus dem Rahmen. Außer natürlich man orientiert sich an der Hinrunde. Es bleibt für alle die es mit dem einzigen Rasenballsport halten, sich eben nicht an die Champions-League zu klammern (so schwer es auch fällt), sondern das Team bei der Entwicklung und Veränderung weiter zu unterstützen und keine unnötige Unruhe aufkommen zu lassen. Der Weg den das Team bisher ging verspricht noch viel Potenzial für die Zukunft. Seien es Champions-League-Teilnahmen oder noch einmal den Kampf mit den Bayern aufzunehmen. Vielleicht gelingt sogar irgendwann eines fernen Tages das undenkbare...das Erreichen der zweiten Runde im DFB Pokal.
crank
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