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Europa League 6. Spieltag
Donnerstag, 13.12.2018, 21:00 Uhr
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Leipzig - (12.06.2018) Freitag Nachmittag war es soweit – der 20-jährige Uruguayer Marcelo Saracchi vom argentinischen Rekordmeister und Erstligisten Club Atlético River Plate erschien zum Medizincheck in Leipzig. Nach langem Warten ist nun klar: Saracchi unterschriebt bis 2023 bei den Bullen!

Laut Medienberichten wird von einer Ablösesumme von 12,5 Mio. € ausgegangen und er wird einen 5-Jahresvertrag erhalten. Tief durchatmen heißt es nun nach überstandenen Medizincheck. Denn mit dem unglücklichen Ausfall von Marcel Halstenberg bedarf es einer guten Alternative auf der Linksverteidigerposition, und diese Lücke zu schließen ist keine leichte Aufgabe. Im diesjährigen Wintertransferfenster gab es vereinsseitig diesbezüglich schon große Bemühungen. Leider gelang es Ralf Rangnick und seinem Scouting-Team keine adäquate und gleichzeitig auch bezahlbare Alternative, die nicht nur sofort verfügbar gewesen wäre, sondern auch sofort hätte weiterhelfen können, zu diesem Zeitpunkt zu verpflichten. Wie wir alle wissen, führte dies dazu, dass es nur wenige Optionen für diese Position gab. Der defensiv solide, aber auch offensiv nicht immer ausreichend Akzente setzende Bernardo, wechselte sich mit dem (links-) positionsfremden Lukas Klostermann ab, der nach seinem Kreuzbandriss in der letzten Saison leider auch noch nicht ganz wieder zu seiner Form zurückfand und eher entwicklungsseitig stagnierte. Letztendlich vermochten beide leider nicht an die Leistung von Halstenberg heranzureichen. Sicherlich war der Mangel an Optionen auch ein weiteres Puzzleteilchen für das letztendliche Nichterreichen der Champions League. Aber mal unabhängig vom Wintertransferfenster, hört man seit einigen Jahren immer häufiger, dass es sehr schwierig sei, sehr gute (insbesondere linke) Außenverteidiger zu bekommen, da sie einerseits sehr rar gesät zu sein scheinen und andererseits meist dann oftmals auch sehr teuer sind. Daher möchte ich nachfolgend, bevor ich versuche, Marcelo Saracchi ein wenig näher vorzustellen, erst einmal der Frage nachgehen, warum das eigentlich so ist.


Auf Spurensuche – Der moderne Außenverteidiger

Wie ich schon bei meiner Vorstellung von Nordi Mukiele herausgestellt habe, sind seine große Stärken: die Flexibilität, die Anpassungsfähigkeit, das Verständnis und die Erfahrung für unterschiedliche Positionen auf dem Feld (in seinem Fall: Innenverteidigung und rechter Außenverteidiger). Zudem bringt er das Talent sowie die technischen und körperlichen Voraussetzungen mit, um auf diesen auch sehr gut spielen zu können. Offensichtlich verlangt der heutige Fußball auf jeder Position komplettere Spieler, die gleichzeitig defensive als auch offensive Fähigkeiten besitzen. Natürlich gibt es kraft Feldposition immer wieder auch spezifische Unterschiede und Notwendigkeiten, bspw. im konditionellen, technischen und taktischen Bereich. Gerade auf diesen drei Ebenen könnten die Anforderungen an die Außenverteidigerposition wohl kaum höher sein.

Unser verlorener Sohn Joshua Kimmich, der bei Bayern München bekanntlich die Außenverteidigerposition von Philipp Lahm übernommen hat, brachte es kürzlich in einem Interview für die Süddeutsche Zeitung sehr gut auf dem Punkt:

„Man hat als Außenverteidiger zwar die Linie als Orientierung und Begrenzung, aber man hat viel mehr intensive Läufe, viel mehr wichtige Defensivzweikämpfe, und auf dem Flügel trifft man heute meistens auf die besten und schnellsten Spieler des Gegners und somit der Welt. Und am Offensivspiel sollte man sich im Idealfall auch noch beteiligen.“[1]


Mehr Laufen – Mehr Sprinten

Anders formuliert: Bei kaum einer anderen Position sind Defensive und Offensive so eng und ganzheitlich miteinander verzahnt. Spieler sehen sich hier in der Regel fließenden Übergängen und wenig Verschnaufpausen ausgesetzt. Wie hoch die Intensität auf dieser Position im Vergleich zu anderen tatsächlich ist und wohin sie sich entwickelt hat, kann man sehr schön aus verschiedenen Studien ablesen, welche die Leistungswerte der europäischen Top-Ligen in Meisterschafts- und Champions League Spielen von 2007–2015 auswerteten. Bspw. beträgt die durchschnittliche Laufdistanz der Außenverteidiger hier circa 11,0 km pro Spiel (im Vergleich: Halstenberg 10,9 km, Bernardo 10,8 km, Klostermann 10,9 km). Von dieser Laufdistanz fanden starke 782m in Form von hoch-intensiven Läufen (19-25km/h) und durchschnittlich 347m als Sprints (mehr als 25km/h) statt. [2]



Die oben zitierte Aussage von Kimmich, dass seine Position nicht mehr nur defensive, sondern im besonderen Maße auch offensive Fähigkeiten verlangt, kann man gerade im Vergleich zu anderen Positionen damit sehr gut belegen. Die Zeiten reinen Verteidigens in starren Formationen sind für Außenverteidiger lang vorbei. Dynamische Spielphilosophien, in sich stetig und flexibel ändernden taktischen Systemen, setzen schnelles Umschaltspiel und intensive Läufe auch über lange Distanzen (teilweise von bis zu 50m am Stück) mit geringen Reaktions- und Ausruhzeiten geradezu voraus. Ein häufiger Wechsel zwischen Abwehr und Angriff steht permanent im Fokus und wird von Trainern mehr und mehr verlangt, um taktische Zielvorgaben erfüllen zu können. Sei es durch das Kreieren neuer Anspielstationen, spielen von Diagonalpässen oder sogar durch Flanken und Torschüssen. Kurz gesagt: Es wird nichts Geringeres als die eierlegende Wollmilchsau gesucht.

Welchen Einfluss moderne Spielsysteme auf das Belastungsprofil des Außenverteidigers haben, wird sehr schön in einer Studie von 2016 zum Thema: "positionsspezifische Spielanforderungen in unterschiedlichen Spielsystemen" deutlich. In modernen 3-5-2 Systemen laufen Außenverteidiger demnach die größte Gesamtdistanz pro Spiel und legen auch die längste Strecke im hoch-intensiven Tempo zurück. Die Richtung ist klar: Mehr laufen, mehr sprinten! [3]



Rezept: Eierlegende Wollmilchsau

Wir fassen zusammen: Hinten mindestens eine Prise solide stehen und vorn stetig, wenn möglich auch kreativ abgeschmeckt, die Angriffsbemühungen des eigenen Teams unterstützen. Dass alles konzentriert, hellwach und würzig im stetigen Wechsel, garniert mit einer gut ausgebildeten Schnelligkeit für Sprints auf der Außenbahn und ausgezeichneten Grundlagen-, sowie fußballspezifische Ausdauer, um dem ständigen Wechsel zwischen Traben, Laufen und Sprinten standhalten zu können. Ich versteh gar nicht, warum sich das Scouting-Team in Leipzig im Winter so schwertat?

Nun soll also ein relativ unbekannter, erst 20-jähriger Uruguayer diese besondere und schwierige Position ausfüllen, und sie zu neuem und modernen Leben im rangnickschen Powerfußball erwecken. Skepsis scheint da wohl erst einmal angebracht.


El Chelo – Die Katastrophe

Marcelo, kurz "Chelo", Saracchi wurde am 23. April 1998 in Paysandú geboren. Mit ca. 76.000 Einwohnern (ca. 65% davon italienischer Herkunft) ist sie die viertgrößte Stadt in Uruguay und befindet sich in nördlicher Richtung ca. 350 km entfernt von der Hauptstadt Montevideo. Als Sohn eines Zimmermanns und einer Bäckerin wuchs er mit seinen Geschwistern in eher ärmlicheren Verhältnissen auf. Er selbst sagte in einem Interview dazu:

„Ein mit Essen gefüllter Teller war immer da, aber wir hatten nie großen Luxus. Ein Auto hatten wir nicht und in den Urlaub sind wir auch nie gefahren. Selbst für richtige Fußballschuhe war bis zu meinem 13. Lebensjahr kein Geld da.“ [4]

In dieser Zeit spielte er noch bei einem Team in seiner Heimatstadt. Noch im gleichen Alter verlässt Saracchi aber seine Heimat in Richtung Hauptstadt. Er ist noch sehr jung, daher leidet er anfänglich natürlich noch sehr unter der familiären Trennung. Zumal der Lebensstil in beiden Städten, schon aufgrund der Größenunterschiede, doch sehr verschieden war. Zusammen mit zwei anderen Jungs aus seiner Heimat bewohnte er eine WG. Zuerst versuchte er sich ein paar Wochen im Nachwuchs bei dem größten und traditionsreichsten Erstligisten Club Atlético Peñarol. Da er aber wenige Chancen sah, in so einem so großen Klub dauerhaft gefördert zu werden, wechselte er auf die angesehene Akademie des kleineren Erstligisten Danubio FC. Und da aller Anfang oft sehr schwer sein kann, war er zuerst überhaupt nicht mich sich zufrieden. Lächelnd sagte er in einem Interview dazu:

„Zuerst brauchte ich ein bisschen, um mich an alles zu gewöhnen. Ich musste von ganz unten anfangen. Und als ich anfing, war ich eine Katastrophe!“ [5]

Erst nach mehreren Rückschlägen und dem Rat seines Vaters, wachte er schließlich auf:

„Und dann habe ich angefangen, mich anzustrengen und an mir zu arbeiten. Denn mein Vater gab mir einen Rat. Ich erinnere mich deutlich. Als wir ein Spiel verloren hatten, griff er ein Blatt und einen Stift und erzählte mir, wie ich es machen musste. Von da an fing ich an, mich richtig ins Zeug zu legen. Und tatsächlich, es ging nach oben." [6]


Der Aufstieg

Sein Aufstieg begann schließlich 2015. Im Alter von nur 17 Jahren wurde er in die erste Profimannschaft hochgezogen und debütierte schon kurz danach in der "Copa Sudamericana" (der zweitwichtigste Wettbewerb im südamerikanischen Vereinsfußball). Saracchi ist gelernter linker Außenverteidiger. Aber angesichts seiner exzellenten Schnelligkeit und seinen guten technischen Qualitäten wurde er hier anfänglich nur als linker Außenstürmer oder als linker Mittelfeldspieler eingesetzt.

„Obwohl ich als Verteidiger anfing, spielte ich seit meinem Wechsel in die Profimannschaft als linker Außenstürmer. Ich war immer schnell und angriffslustig. Aber im uruguayischen Fußball müssen die Verteidiger mehr verteidigen als das sie attackieren.“[7]

Noch im gleichen Alter erkämpfte er sich einen Stammplatz und spielte im gesamten Verlauf ganze 61 Spiele für das Team in der ersten uruguayischen Profiliga und im Pokal. Auch in der uruguayischen Jugend spielte er bereits eine wichtige Rolle. Er war Kapitän der U17 bei der „Campeonato Sudamericano“ 2015 und einer der jüngsten Spieler (mit immer noch nur 17 Jahren wohlbemerkt), die im selben Jahr für die WM in die U20 berufen wurden. Er machte je 24 Spiele für die U17 und für das U20-Team. Für ihn selbst war es eine sehr gute Bewährungs- und Belastungsprobe:

„Die Jugendmannschaften geben dir sehr viel. Sie geben dir eine internationale Note und die Chance alle drei Tage in einem Wettbewerb zu spielen. Es ähnelt dem, was du als Spieler später für ein großes Team leisten musst, wenn du auch unter der Woche Spiele hast.“[8]

2017 war bisher das erfolgreichste und aufregendsten Jahr in seiner noch jungen Karriere. Erst 19-jährig gewann er mit der U20 die südamerikanische Meisterschaft, spielte im selben Jahr noch die Weltmeisterschaft in Südkorea und wechselte aufgrund seines Talentes und der gezeigten Leistungen schon im zweiten Halbjahr zum argentinischen Rekordmeister CA River Plate, wo er direkt zwei weitere Titel sammelte. Er gewann, unter Trainer Marcelo Gallardo, die "Copa Argentinien 2017" und "Supercopa Argentinien 2017".

Die Tatsache, dass Saracchi auch in der ersten argentinischen Profiliga beim Rekordmeister nach nur einer Handvoll Spielen bereits als so wichtiges Mitglied der River-Mannschaft galt, spricht Bände. Der Uruguayer erzielte schon bei seinem zweiten Start einen Assist gegen San Martin und traf auch beim 4:1-Sieg der Copa Argentina im Viertelfinale gegen Atlanta. Ganz bescheiden betrachtete er diesen Wechsel rückblickend:

Ich habe mir nicht vorstellen können, so schnell aufzusteigen und hier zu spielen, Ich habe noch nicht mal gewagt davon zu träumen, weil diese Dinge im Fußball manchmal aus dem Nichts kommen. Ich habe lediglich gehofft, dass ich irgendwann zu einem kleinen Club in Europa gehen könnte, um weiter zu lernen und mich zu entwickeln. Aber dann kam das Angebot von Marcelo Gallardo, meinem Trainer bei River Plate. Obwohl ich es nicht erwartet hatte, wusste ich, dass es aufgrund meines Spielstils perfekt in das Profil des Trainers passe. Hier spiele ich wieder als linker Verteidiger und fühle mich auch wohler, weil ich nun wieder den Platz vor mir habe.“[9]


Paul Mitchell in da House?

Vor ein paar Tagen habe ich den Artikel zu Nordi Mukiele verfasst. Je mehr ich über Saracchi recherchierte, umso erstaunlicher fand ich die Parallelen im Lebenslauf, insbesondere im Aufwachsen, familiären Umfeld, Charakter, Einstellung und sportlicher Entwicklung. Man hat ein wenig den Eindruck, dass hat irgendwie System. Ein Schelm wer hier mögliche Zusammenhänge zu Paul Mitchell und seiner Scouting Abteilung sieht. Auch Nordi wuchs unter eher schlichten Verhältnissen auf, lernte das Fußballspielen noch auf der Straße, und sein Vater spielte eine große Rolle in seiner Entwicklung im Fußball. Beide kämpften sich schon in jungen Jahren, bei oft nicht einfachen Umständen (nach bspw. Vereinswechseln) schnell in die Stammelf der Profimannschaften und wirken in ihrer Art sehr klar, zielorientiert, bodenständig und bescheiden. Die Antwort auf die Frage, was Chelo bisher am meisten an River Plate überrascht hat, spiegelt das m.E. auch sehr gut bei ihm wieder:

„Die Fans! Sie kommen jeden Tag hierher, um ein Autogramm zu bekommen. Völlig egal, ob es nun kalt ist, regnet, stürmt oder was auch immer. Ich finde das unglaublich.“[10]


In bester Gesellschaft

Die mentalen, taktischen, technischen und insbesondere auch körperlichen Anforderungen für einen Außenverteidiger sind, wie beschrieben, äußerst komplex. Saracchi misst nur 1,72m. Damit ist er bauartbedingt eigentlich kein Verteidiger, sondern eher ein Spieler, den es dauernd nach vorn in den Angriff ziehen würde. Aber wie zuvor beschrieben, ist dies für die moderne Spezifik der Außenverteidigerposition überhaupt kein Nachtteil. Ganz im Gegenteil. Mit seiner Größe befindet er sich sogar in guter Gesellschaft mit:


  • Jordi Alba 1,70m (Barcelona), Daniel Alves 1,72m (PSG), Danny Rose 1,73m (Tottenham), Marcelo 1,74m (Real Madrid), Bixente Lizarazu 1,69m, Roberto Carlos 1.68m und Patrice Evra 1,73m,

die bekanntlich als eine der besten bzw. ehemals besten linken Außenverteidiger galten bzw. gelten.

Saracchi ist sehr variabel. Wie erwähnt, spielte er als Linksaußen, im linken Mittelfeld und in der vergangenen Saison bei River Plate hauptsächlich auf seiner Stammposition, der linken Abwehrseite. Er hat in seinen noch jungen Jahren schon unglaublich viele Spiele im Profifußball absolviert. Mit der dadurch erlangten Erfahrung auf allen und seinem Verständnis für alle linken Positionen bringt er erst einmal schon eine sehr gute Basis für die Rolle eines "modernden" Außenverteidigers mit.


Alles Demme oder was?

Statistische Daten ligaübergreifend gegenüberzustellen, ist immer nur mit Abstrichen möglich. Da es natürlich enorme Unterschiede hinsichtlich Stärke und taktische (aber auch traditionelle) Spielweise geben kann. Auch der argentinische Fußball unterscheidet sich natürlich vom deutschen, ist aber auch vielleicht gar nicht so weit weg, wie man glauben mag. Ich würde sagen, dass er eher ein Bindeglied zwischen dem typisch europäischen Taktik- und Kampffußball und dem südamerikanischen, von ausgefeilter Technik und viel häufiger stattfindenden Dribblings geprägten Fußballstil darstellt. Im Gegensatz zu Europa, überwiegt das spielerische Element hier noch dem "Arbeitsfußball".


Abwehr-/Zweikampfverhalten

Dennoch möchte ich diese statistischen Daten nutzen, um meinen Eindruck von Saracchi besser darzulegen. Daher habe ich wieder versucht, die wichtigsten Daten der besten Spieler der ersten Bundesliga auf seiner Position ihm gegenüberzustellen. Zudem habe ich am Ende des Absatzes ein Video mit von mir zusammengeschnittenen Szenen seines Abwehrverhaltens verlinkt, aus dem m.E. sehr gut hervorgeht, was ihn ausmacht.



Wie schon verdeutlicht, ist die Flexibilität Chelos größte Stärke, die sich auch im Abwehrverhalten ausdrückt. Er erreicht zwar nirgends Spitzenwerte. Dennoch schafft er es, mindestens gut bis sehr gut in fast allen Bereichen zu sein. Eine bemerkenswerte Leistung, insbesondere wenn man sein noch junges Alter bedenkt. Natürlich ist er aufgrund seiner Körpergröße kein Kopfballungeheuer und wird es auch nie werden. Unser Marcel Halstenberg setzt hier (sogar international) Maßstäbe auf dieser Position.

Herausragend finde ich aber sein hohes, offensives und aggressives Verteidigen nach vorn. Da River Plate, unter Gallardo, eine leicht ballbesitzorienteierte, aber ebenfalls wie wir offensive Presssingvariante im 4-2-2-2 spielt, verwundert es nicht, dass er im o.g. Interview zurecht festgestellt hat, dass er zum ihm wie die Faust aufs Auge passt. Es kommt ihm in seiner Art zu spielen, tatsächlich einfach entgegen. Überhaupt erinnert er mich von seiner ganzen Art (auch körperlich) ein wenig an unseren Diego Demme. Er läuft und läuft unermüdlich, fast die ganze Spielzeit, nur eben die Linie (nicht das gesamte Mittelfeld wie Diego) auf und ab. Steht er selbst oder einer seiner Mitspieler mal falsch, versucht er dies mit seinem Tempo unnachahmlich zu korrigieren bzw. ist er sich selbst niemals zu schade auszuhelfen und die Drecksarbeit zu erledigen. Beeindruckend ist, wenn er bspw. über 30-50 m hinweg im Vollsprint versucht gegnerische Konter abzulaufen.

Saracchi ist einfach durch und durch eine Kämpfernatur, die nie aufstecken möchte und stetig bereit ist, alles zu geben. Es mag sein, dass seine Gegenspieler sehr oft größer und robuster sind. Aber wir wissen alle, wie schön nervig es sein kann, wenn dir ein Gegenspieler eigentlich die ganze Zeit bissig auf den Füssen rumsteht, immer irgendwie da ist, sich oder seinen Fuß dazwischen hält und selbst auch in der 90 Minute noch nicht nachlässt. Für die besonders herausgestellte Aufgabe: "Mehr sprinten – Mehr laufen", erscheint er angesichts der gezeigten Schnelligkeit, Ausdauer und kämpferisch-aggressiven Art, prädestiniert.



Angriffs- und Passverhalten



In den heutigen, oft pressing-orientierten Systemen werden (gerade auch in der Bundesliga) Außenverteidiger häufig als "Pressingopfer" ausgemacht und gnadenlos angelaufen. Wenn du hier als Verteidiger nicht in der Lage bist, gedanken-, reaktionsschnell und technisch versiert zu reagieren, kommt es schnell zum Ballverlust. Wenn dieser noch in der eigenen Hälfte stattfindet und vom Gegner schnell ausgespielt wird, kann es sofort brandgefährlich werden. Als mehrmalig eingesetzter Linksaußen und Mittelfeldspieler besitzt Saracchi die Fähigkeit blitzschnell und technisch sicher zu reagieren. Insbesondere bei dem so essentiell wichtigen ersten Ballkontakt, gelingt es ihm sehr oft, auch unter Druck den Ball sicher am Fuß zu führen und einen Kurzpass zum nächstgelegenen Mannschaftskollegen zu spielen. Oftmals gelingt es ihm sogar, solche Situationen im eins gegen eins für sich zu nutzen, indem er mit einem schnellen Antritt, seiner Dribbelstärke und seiner Geschwindigkeit in der Lage ist, am Gegner auch mal vorbeizuziehen und sofort in den Angriff überzugehen.

Auch nach Ballgewinnen schaltet er (soweit möglich) schnell, sei es mit einem sofortigen Pass in die Spitze oder einem intensiven Flügellauf, in den Angriff um. Gerade wenn die Mitte bei defensiv eingestellten gegnerischen Ketten eng wird, zählt es, das Spiel breit zu machen und von außen auch offensiv Akzente zu schaffen. Durch seine ausgeprägte Erfahrung und Kenntnis, der vor ihm liegenden Positionen, weiß Chelo sehr gut, wie sich seine Mitspieler im linken Mittelfeld bzw. auf dem Flügel verhalten und welche Laufwege sie einschlagen. Durch seine positionstreue, seinen offensiven Drang nach vorn und seiner Dribbelstärke gelingt es ihm immer wieder, das Spiel breit zu gestalten, den Gegner aus seiner Position wegzuziehen bzw. zu überlaufen und damit größere Räume sowie neue Spielsituationen bzw. -optionen für seine Mittspieler zu kreieren. Auch hier wieder ein kurzes Video zur Veranschaulichung.



Risiko – die Bugwelle des Erfolgs!

Seine (von Gallardo unterstützte) Spielweise erlaubte es ihm sehr oft, in gute Passsituationen von außen zu kommen. Leider gelang es ihm noch zu selten, selbige erfolgreich zu Ende zu spielen. Oft erfolgten seine Pässe in die Spitze und seine Flanken zu hektisch und unpräzise. Sie landeten dann entweder im aus oder beim Gegner. Er wirkt hier in den entscheidenden Phasen noch zu unkonzentriert.

Ein weiteres großes Problem, was wir auch bei uns immer wieder erlebt haben und erleben, ist die Konteranfälligkeit. Aufgrund seines hohen Positionsspiels oder immer wieder dynamischen Vorstößen, passiert es schnell bzw. automatisch, dass hinter ihm eine größere Lücke klafft, die gegnerische Stürmer sofort ausnutzen können und freistehen. Wenn, wie schon zuvor angesprochen, ein Ball verloren geht, der Gegner schnell umschaltet und die Lücke nicht geschlossen werden kann, wird es gefährlich. Der Chance durch spektakuläre, offensive Spielweise vorn wichtige Bälle zu gewinnen oder durch Überzahlspiel gute Angriffsaktionen zu generieren, steht folglich das Risiko gegenüber, hinten ziemlich offen zu stehen und dem Gegner damit brandgefährliche Kontersituationen zu ermöglichen. Hier zukünftig die richtige Balance zwischen offensiven und defensiven Aufgaben zu finden, ist extrem wichtig, sonst kann es böse Überraschungen geben.


Ausblick

Einer meiner Ziele ist es, so gut wie es nur geht, "objektiv" an Spielerbewertungen in meinen Artikeln heranzugehen. Ich möchte einfach nicht nur deswegen einen Transfer "ach so toll" finden und ihn als solches auch verkaufen, nur weil er von unserem Sportdirektor getätigt worden ist. Nein. Ich möchte ausdrücklich kein Personenkult betreiben und auch nicht in den Verdacht geraten (auch wenn natürlich ein gewisser Teil "wohlwollende Komponente" immer dabei sein wird). Daher versuche ich einerseits meine Thesen durch Beobachtungen, Recherche und letztendlich Zahlen, Daten und Fakten zu untermauern. Andererseits versuche ich auch eine eigene Vision von dem Spieler zu entwickeln. D.h., ich stelle mir vor, was vielleicht die Beweggründe waren, ihn zu verpflichten und wie er sich sportlich in unserer Mannschaft entwickeln oder in mögliche taktische Systeme passen könnte. Dabei ist mir aber nicht nur der sportliche Aspekt, sondern insbesondere auch wichtig, den Menschen dahinter kennenzulernen (bspw. anhand längerer Interviews, Biografien etc.). Wie ich schon bei Nordi Mukiele feststellte, finde ich die mentale Seite von Sportlern allgemein sehr spannend. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass sie essentiell für eine potentiell zu (oder eben nicht) erreichende Stufe seiner sportlichen Entwicklung ist.


Charakterspieler

Wir erinnern uns: "Mentalität vor Qualität!" Ich persönlich finde, dass auch Chelo einen feinen Charakter hat. Er sieht auf und neben dem Platz seine Aufgabe nicht darin, im Mittelpunkt zu stehen. Er sieht seine Aufgabe darin, eine gute Leistung zu bringen, an sich zu arbeiten, seine Mitspieler zu unterstützen und Dankbar zu sein. Er vergisst nie, wo er herkommt und wem er was zu verdanken hat. Für mich macht ihn das höchstsympathisch. Wenn er es schafft, sich mit seiner Leistung zu empfehlen, könnte ich mir sogar vorstellen, dass er ein Publikumsliebling werden kann, wie es ein Diego Demme bereits schon ist. Bisherig hat er es immer geschafft, sich sehr schnell an höhere Aufgaben zu gewöhnen. Wie unser Diego, schaffte er jährlich einen niemals für möglich gehaltenen Entwicklungssprung zu machen. Er repräsentiert einen Spielertyp, der nicht sonderlich spektakulär ist, aber so ungemein wichtig für das Team und dessen Erfolg und Zusammenhalt sein kann. Durch seine Leidenschaft, sein stetiges Kämpfen und Ackern, schafft er es andere mitzureisen und im Spiel für ein Momentum zu sorgen.


Phantasiespielchen

Marcelo Saracchi ist definitiv hoch talentiert. Inwieweit man Phantasie besitzt, ob er die kolportierten 12,5 Mio. Euro wert sein kann (insbesondere, wenn man berücksichtigt, dass ein verdienter Bundesligaspieler wie Bernardo für voraussichtlich ca. 8 Mio. wechseln wird), muss wieder jeder für sich selbst beantworten. Ich habe diese Phantasie bzw. Vision. Sicherlich wird er nicht gleich so einschlagen, wie ein Ryan Sessegnon (übrigens seinesgleichen ebenfalls linker Außenverteidiger, Mittelfeldspieler und Flügelstürmer), der mit 17 Jahren beim FC Fulham in dieser Saison die zweite englische Liga auf dem Kopf gestellt hat und aktuell mehr als das Dreifache Wert sein dürfte. Aber mit seiner relativ großen, schon in jungen Jahren erlangten Erfahrung, seinen bereits vorhandenen taktischen Kenntnissen im 4-2-2-2, seinem offensiven und aggressiven Verteidigungsstil, seiner Schnelligkeit, seinen technischen Anlagen, seiner Dribbelstärke, seiner Ausdauer und schließlich seinem großen Herz bringt er großartige Voraussetzungen eines modernen Außenverteidigers mit und sollte perfekt zu uns und der "rangnickschen" Philosophie vom Fußball passen. Ob er sein Potential auch schon in Europa, fernab der Heimat, in einer noch stärkeren Liga abrufen kann, muss natürlich kritisch hinterfragt werden und wird man sehen müssen. Er wäre nicht der erste Südamerikaner, dem das nicht oder nur unter großen (Anpassungs-) Schwierigkeiten gelingt.


Los Marcel(o)s

Wenn er es aber wieder schafft, diese Hürden (insbesondere auch die Belastung der hohen Ablöse) zu überwinden, neue Aufgaben ähnlich schnell zu adaptieren, wie er es schon bewiesen hat, und weiter an seinen oben angesprochenen Schwächen arbeitet, kann er für uns ganz wertvoll werden und uns neue taktischen Möglichkeiten liefern. Ob es ihm auch gelingt, an einem der besten deutschen linken Außenverteidiger vorbeizukommen und direkt eine Option zu werden, hängt sicherlich auch davon ab, wie Marcel Halstenberg aus seiner Verletzungspause zurückkehrt. Aber vielleicht muss er es auch gar nicht zwingend oder dauerhaft. Denn jeder Gegner benötigt unter Umständen andere (taktische) Lösungen. Einmal wird ein flinker und offensiver Außenverteidiger gebraucht, der gern über außen kommt und gegnerische Abwehrketten auseinanderzieht und ein anderes Mal ein großer, robuster und kopfballstarker. Marcelo oder Marcel – Los Marcelos. Diese Optionen besitzen wir jetzt, aber insbesondere eine Sorge weniger auf der linken Abwehrseite. Ich freu mich drauf.

Ich habe letztens ein Zitat gelesen, das ich sehr lustig aber passend fand:

„It seems like an anomaly that in a country that lives three million people, there are so many professional players. As somebody said “in Uruguay there are twelve people and eleven are football players.”[11]

Dann heißen wir nun auch erstmalig einen dieser Spieler einer wirklich sehr sympathischen Nation herzlich Willkommen: Bienvenido a Leipzig, "Chelo" Saracchi.

Justgroovy


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https://www.rb-fans.de/artikel/20180608-transfer-marcelo-saracchi.html

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