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Der Lotse geht von Bord

Der Lotse geht von Bord

Nach acht Jahren geht die äußerst erfolgreiche und prägende Ära Rangnick bei RBL Leipzig relativ geräuschlos zu Ende. Der Vater des Erfolgs und ohne Zweifel wichtigste Mann der Geschichte von RB Leipzig geht von Bord. Zeit um Danke zu sagen und einen Blick auf die Zukunft zu werfen.

Auf Kurs gebracht

Als Ralf Rangnick 2012 die Leipziger Bühne betrat, hatte RBL zum zweiten Mal in Folge den Aufstieg in die dritte Liga versemmelt. Oral und Pacult, Trainer mit eher einfach gestrickten Konzepten waren mit einem Haufen Zweitligaspielern und Topleuten aus Liga 3 und 4 an sich selbst sowie an Chemnitz und Halle gescheitert. Rangnick drehte an den richtigen Stellschrauben, brachte an allen Fronten kompetente Leute und mit Zorniger den richtigen Trainer zum richtigen Zeitpunkt, so dass bei den Fußballern personell, auch wegen der guten Basis, letztlich nur ein Kaiser gebraucht wurde, um die Regionalligakrone zu liften und dann im Anschluss mit Kimmich, Poulsen und Co. auch die dritte Liga zu durchschreiten.

Später war er sich nicht zu fein, zweimal selbst Hand anzulegen, als er gebraucht wurde und auch unpopuläre Entscheidungen treffen musste, die sich am Ende als richtig erwiesen. Zornigers Abgang im Winter und seine Übernahme sowie der Aufstieg in die Bundesliga sowie auch die spätere Übernahme nach Hasenhüttls Aus mit anschließender Champions League Qualifikation und DFB Pokalfinale. Fraglos dürfte jeder Fan mit ihm emotionale Momente verbinden. Sei es der Aufstieg in Lotte oder der Muskelfaserriss beim Versuch Selkes Bierdusche beim Bundesligaaufstieg zu entgehen. Sei es der Sachsenpokalsieg oder das erste Erklingen der Champions League-Hymne im weiten Rund. Sei es die Reise zum Finale nach Berlin oder das halbjährliche Erforschen der Kicker, die man googeln musste. Ohne Rangnick ist dies alles schwer denkbar und nah dran an unvorstellbar. Alle die das Gewürge unter Oral und Pacult erlebten, dürften mir da zustimmen. Unter Rangnick kannte RBL immer nur eine Richtung – nach oben!

 

Süßester und schmerzhaftester Erfolg zugleich - Der Bundesligaaufstieg.

 

Nach oben, immer nur nach oben!

Hitzige Wortduelle über die sportliche Talfahrt oder Trainer die in der Arena geschmäht wurden, sowas gab es unter Rangnick nicht bzw. was die Wortduelle anbelangt nur in den kurzen Schwächephasen, am Ende aber packte man fast immer die selbstgestecken Ziele zu übertreffen. Auch was sein sportliches Netzwerk und sein Bemühen um Spieler anbelangt, war es oft Rangnick selbst, der Eingriff, wenn Transfers in Gefahr gerieten. Nicht immer hat sich das am Ende als glücklich herausgestellt, aber es waren Risiken, die Rangnick in dem Bewusstsein einging, dass nur so die nächste Stufe denkbar war. Dies ist wohl eine der wichtigsten Erkenntnisse. Rangnick war und ist ein Visionär, einer der seine Vision anderen näherbringen kann und diese mit absoluter Konsequenz verfolgt. Einer, der sich wenig darum schert, wie dies bei Kritikern oder der Außenwelt ankommt. Ein Macher dessen größtes Gesamtkunstwerk seiner sowieso schon vorher beeindruckenden Laufbahn unser RB Leipzig ist!

Erwähnt werden muss auch sein soziales Engagement in den letzten Jahren. Seine Stiftung ist extrem gut vernetzt und stellt vielen sozialen Einrichtungen und Schulen Mittel zur Verfügung, um Ideen umzusetzen, die sonst wohl nicht möglich wären. So darf man Rangnicks Aussagen, er fühle sich als Leipziger ruhig Glauben schenken, denn er hat in den letzten Jahren seinen Lebensmittelpunkt in unsere Pleißemetropole verlegt.

Abstriche gab es nur in der B-Note. Denn dem eigenen Anspruch junge Spieler über die eigene Akademie für die erste Mannschaft auszubilden, läuft RBL auch über zehn Jahre nach seiner Gründung immer noch hinterher. Geschätzte 10 Mio per Annum, die in diesen Bereich fließen, versickern ohne Mehrwerte für den Klub zu schaffen. Hier sind nun die Nachfolger gefordert, ebenso wie sie gefordert sind, Rangnick überhaupt zu ersetzen.

 

Würdigung auf dem Rathausbalkon.

 

Ein Abschied auf Raten?

Insgesamt kommt der Abschied wenig überraschend. Rangnicks reibungsloses Abtreten in die zweite Reihe bzw. auf eine Position bei Red Bull selbst, die ihn mit Red Bull Brasil und New York wenig forderte und dessen Input man auch im letzten Jahr mit der Lupe suchen musste, war zu wenig für einen Mann seines Formates. Noch ist Rangnick jung und fit genug, um nochmals eine seiner Missionen zu übernehmen. Von daher verwundert es nicht, dass er sich gesprächsbereit zeigte, als Milan anfragte. Lange sah es so aus, als würde er gehen, letzten Endes hätte er sich da aber wohl keinen Gefallen getan, denn die umfassenden Kompetenzen hätte er in Mailand wohl stetig verteidigen müssen, ein zermürbendes Dauergefecht. Dabei braucht er Ruhe und sportliche Allmacht, um erfolgreich zu sein, etwas, was er am ehesten in England vorfinden würde.

Sein schwindender Einfluss zeigt sich auch an der aktuellen Strukturüberarbeitung, den Abgängen altgedienter Mitarbeiter aus dem Stab und letztlich auch der angepassten Transferstrategie. So verpasste RBL zuletzt aussichtsreiche Toptalente wie Haaland und Kouassi, setzte deutlich mehr auf Leihen (auch vor Corona) und einige seiner früheren Transfers hatten es sehr schwer unter Nagelsmann zu Einsätzen zu kommen (Cunha, Lookman, Haidara usw.). Faktisch war Rangnick seit dem letzten Sommer raus und seit der Übernahme durch Nagelsmann und Krösche, die er selbst mit vorbereitet hatte, außen vor. Es gibt wohl wenige Akteure im Bereich Fußball, die ihre eigene Ablösung in dieser Form durchgezogen haben. Hier hätten sich viele Fans sicher gewünscht, dass Rangnick weiter in den Klub hätte hineinwirken können.

 

Nicht immer einer Meinung - Leipzigs erfolgreichstes Führungsduo.

 

Mintzlaff und Rangnick

Es ist kein Geheimnis, dass diese Strukturänderung ohne Mintzlaff kaum denkbar wäre. 2012 noch als Rangnicks Berater und Anhängsel gesehen, ist er schon länger der starke Mann im Klub und hat in allen Finanzfragen das letzte Wort. Das führte schon zu Rangnicks Zeiten zu Konflikten, wenn es darum ging mal mehr Geld auf den Kopf zu hauen und verrückte Dinge zu machen. Als Trainer und Sportdirektor hatte Rangnick damals einen anderen Blick auf solche Fragen und Mintzlaff war das Korrektiv, ein Korrektiv, dass am Ende Rangnick überflügelte. Das man aktuell eher vorsichtig agiert, ist nach Corona auch auf ihn zurückzuführen. Welche Zerwürfnisse diese alten Geschichten und auch Rangnicks Flirt mit Mailand vielleicht befördert und erzeugt haben, werden wir wohl nicht erfahren. Es darf aber als sicher gelten, dass sie Teil der Gründe für die aktuelle Trennung sind.

 

Große Fußstapfen

Rangnick hinterlässt einen tiefen Fußabdruck. Einer der RBL nun acht Jahre lang tief geprägt hat. Mit Krösche, Nagelsmann und der aktuellen Strukturänderung hat RBL aber auch Antworten parat. Antworten, die aber erst noch zeigen müssen, dass sie langfristig ebenso wirkmächtig und erfolgreich sind, wie Rangnick in den letzten Jahren.

Krösche

Krösches Ernennung zum Sportdirektor war durchaus überraschend, wenngleich seine Leistungen in Paderborn viel mit deren Bundesligaaufstieg zu tun hatten. Aktuell hat Krösche bereits einige Erfolge vorzuweisen. Er konnte mit Werner und Upamecano verlängern und so ablösefreie Wechsel verhindern, wenngleich diese im Gegenzug mit relativ niedrigen Ausstiegsklauseln kommen (niedrig, wenn man sieht, was derzeit so in der Spitze bspw. vom BVB verlangt wird). Dennoch konnte er mit Nkunku und der Leihe von Angelino wichtige Bausteine für die letzte Saison verzeichnen. Auf der anderen Seite verpasste RBL Haaland und Kouassi, die aber ggf. finanziell auch außer Reichweite waren. Ob er auch langfristig RBL in den Top-4 etablieren kann, muss indes abgewartet werden. Der Abgang von Werner ist bisher ein ordentliches Pfund und mit Hwang kommt zwar ein durchaus gut veranlagter Stürmer, der seine Qualitäten aber eher als Vorbereiter und Arbeiter denn als Vollstrecker hat.

Nagelsmann

Nagelsmann zu RBL zu lotsen, war sicherlich der finale Geniestreich Rangnicks. Die eigene Nachfolge mit einem der heißesten Trainereisen Deutschlands zu vollziehen, war schon eine beeindruckende Leistung. Nagelsmann schaffte es besonders in der Hinrunde eine Synthese aus rangnickschen Pressingtugenden und eigenen Ballbesitzansätzen aufs Feld zu bringen. Die Herbstmeisterschaft gegen bis dahin schwächelnde Bayern war der verdiente Lohn. In der Rückrunde bröckelte etwas der Lack. Die Bayern wären mit ihrer Fabelrückrunde wohl so oder so vorbeigezogen, aber die Ergebnisse der nach-Corona-Phase waren durchaus ausbaufähig. Wären die Halbserien umgedreht gewesen, so hätte es wohl mehr Lob von Fanseite gegeben, so trübten die letzten Spiele etwas den Gesamteindruck. Das Erreichen des Champions League Viertelfinales ist indes eines der großen Marken der Vereinsgeschichte. Das darf gerade im Hinblick auf das anstehende Spiel gegen Atletico nicht vergessen werden.

Umstrukturierungen

Neben dem Aufstieg von Florian Scholz als rechte Hand von Mintzlaff und der Umstellung der medizinischen Abteilung, die sich im letzten Jahr mit den langwierigen Verletzungen von Kampl, Konaté und Adams nicht mit Ruhm bekleckert hatte, ist es besonders Christopher Vivell, dessen Ernennung zum Technischen Direktor interessant scheint. Während Scholz bisher mit dem Kerngeschäft Fußball nur wenig am Hut hatte und Dr. Riepenhofs Vita sich gut liest, seine Eignung aber eher was für Insider ist, hat Vivell in Hoffenheim und Salzburg als Chefscout und Verantwortlicher für Spielerauswahl durchaus beachtliche Erfolge vorzuweisen. Seine Aufgabe wird es nach dem Abgang von Mitchell, Rangnick und diversen Scouts sein, für die Überraschungsmomente in der Spielerverpflichtung zu sorgen, die zuletzt eher selten geworden sind. Spieler wie Nkunku oder damals Keita, Poulsen, Upamecano, Forsberg und Co., die RBL prägten oder es noch tun und die nur wenige auf dem Schirm hatten.



Ein Denkmal für Ralf Rangnick

Abschließend bleibt uns nur nochmal Danke zu sagen. RBL in seiner aktuellen Form wäre ohne Ralf Rangnick nicht denkbar. Mehr noch als in Hoffenheim ist es ihm gelungen eine Topmannschaft aus den Regionalligasphären mit klaren Visionen und Strukturen aus der Taufe zu heben. Sicherlich mit immensen finanziellen Aufwänden. Das dies aber in Deutschland nur Rangnick gelungen ist, wo andere krachend scheiterten, das macht sein Vermächtnis aus. Eines das fraglos irgendwann auch eine sichtbare Würdigung rechtfertigen würde, wir werfen die ersten 100€ in den Topf für ein Denkmal. Danke Ralf Rangnick!

 Rumpelstilzchen